Kaum jemand hat bei Baseler Uraufführung von Boris Nikitins "24 Bilder pro Sekunde" im Februar gedacht, dass das erratische Sterben dieses Jahr einen derart weltumspannenden Sog haben würde. Die folgenden Termine wurden verschoben - nun präsentiert Nikitin seine Arbeit zum zweiten Mal - und damit ein großes musikalisch-choreografisch-filmisches Tableau über die Verletzlichkeit.

Letzte Einsichten. - © El Mokdad
Letzte Einsichten. - © El Mokdad

Es sind mindestens zwei Aspekte, die der Schweizer Künstler hier in den Fokus stellt: 24 Bilder pro Sekunde als filmischer Einheit, in denen sich nach Cocteau neben dem "Abbild des Vitalen" nichts weniger als die Dokumentation des Vergehens verbirgt. Und das Sterben des eigenen Vaters, der 2015 an ALS erkrankte und dessen Tod Nikitin in seinen Projekten immer wieder neu thematisiert, mit der Solo-Performance "Versuch über das Sterben" gastiert Niktin einmalig am Donnerstag, 10. September, bei den Wiener Festwochen.

In "24 Bilder pro Sekunde" durchwandern sechs Tänzerinnen und Tänzer ein visuell wie musikalisch flirrendes Triptychon, begleitet vom Züricher Kukuruz Quartett und Videobildern, die die entstehenden brüchigen Porträts konsequent wieder zerlegen.

Während sie sich im farbigen Normcore des ersten Teils, einer fast klassischen Exposition, zum kitschig postmodernen Evergreen-Medley und im wilden Kleiderwechsel auf nichts als sich selbst zu konzentrieren scheinen, widmet sich der zweite Teil einer verirrten Kontaktaufnahme mit unbeholfenen Begegnungen, kurzen "Paarläufen", die sich rasch wieder auflösen, um im letzten, stärksten Teil der Performance zu Julius Eastmans 1979 entstandener minimalistischer Komposition Gay Guerilla in der berührenden, Dissolution von Körpern, Musik und Bildern zu enden.

Was bleibt, ist der stille, blaue Himmel auf der Leinwand, einer der schönsten Momente an diesem abstrakten Abend der Vulnerabilitäten.