Das Bravo-Verbot, an der Staatsoper als virale Schutzmaßnahme ausgesprochen, hielt an diesem Abend keine Minute. Rufe dröhnten durch den Saal, kaum dass Franz Welser-Möst den Graben betreten hatte. Sechs Jahre hatte der Dirigent hier keine Aufführung geleitet, seit er sich mit Direktor Dominique Meyer überworfen hatte.

Unter dessen Nachfolger Bogdan Roščić ist am Dienstag nicht nur Welser-Möst zurückgekehrt, sondern auch eine abgesetzte Produktion - die "Elektra"-Regie Harry Kupfers. In den Vorjahren von einem mausgrauen Nachfolger verdrängt, ist Kupfers Großtat nun im besten Wortsinn reanimiert worden: Das Spiel unter der riesigen Agamemnon-Statue glänzt durch mehr Leben und Detailfülle als in mancher Repertoireaufführung der Nullerjahre. Symbolträchtig in ein Seilgewirr am Koloss verstrickt, setzt die rachedurstige Elektra ein Kammerspiel fahriger Interaktionen frei. Die Partien sind exzellent besetzt, im Zentrum lässt Ricarda Merbeth das Blut in den Adern gefrieren: Im Forte höhnisch gellend, besitzt das Legato dieser Muttermörderin in spe noch im Mezzoforte schaurig-schimmernde Innenspannung. Schwester Chrysothemis hat im Sopran von Camilla Nylund ein Sprachrohr erster Güte, Hausdebütant Derek Welton ummantelt Orests Mordlust mit einem dunkelschwarzen Ton. Und das Racheziel? Doris Soffel düstert Klytämnestras Klangbild mit hexenhaften Umlauten ein, besitzt aber auch die höhensichere Frische, um den Nöten der Figur herzzerreißendes Profil zu verleihen. Jörg Schneider näselt den Aegisth herrlich schaumschlägerhaft, und selbst die Mägde leisten an diesem Abend Stupendes.

Es ist aber vor allem Welser-Möst, der das Publikum 100 Minuten lang an der Sesselkante bannt: Wie Streicherlinien hier blitzartig die Luft zerschneiden, Bläser distinkt aufröhren, Schockwelle um Schockwelle rollt und sich Schicksalswucht mit Nanopräzision verbindet, das ist exemplarisch. Lässt sich das im Repertoirealltag wiederholen? Wird sich weisen. Vorerst Ausnahmejubel.