Hat er während der opernlosen Vormonate womöglich über einen Plan B nachgedacht? Christopher Maltman, der 50-jährige Brite, hätte zumindest Gelegenheit zu einem Berufswechsel - immerhin hat er nicht nur eine Sänger-Ausbildung genossen, sondern ist auch studierter Biochemiker. Doch Corona hin, Covid her, auf einen Labor-Job würde er nicht umsatteln wollen. Was er sich aber kurz durch den Kopf gehen ließ: Wenn schon ein Plan B, "dann in einem Weinberg arbeiten", kokettiert er im Interview.

Für Gedankenspiele hatte Maltman zuletzt reichlich Muße. Sechs Monate dauerte die Bühnenabsenz, viel Zeit davon hat er in Frankreich verbracht. Singend? Am Anfang hat er seinen Bariton noch "so viel wie möglich" trainiert, "aber als alle Aufführungen gestrichen wurden, habe ich aufgehört". Als sich das Ende der Durststrecke abzeichnete, dauerte es auch ein Weilchen, den Sangesapparat wieder zu anzuwerfen. "Die erste Woche war schwierig", erzählt er von den Übungsstunden. "Aber ich mache das seit 27 Jahren beruflich, das kam zurück."

Egoistischer Rettungsengel

Er selbst kehrt am nächsten Mittwoch ins Rampenlicht zurück, das Theater an der Wien eröffnet seine Saison dann mit "Zazà". Za-was? Das ist eine Oper des Italieners Ruggero Leoncavallo, berühmt für sein kurzes Gesangsdrama "Pagliacci" - allerdings nur dafür. Ist die zweistündige "Zazà" zu Recht vergessen worden? Nein, meint Maltman. "Sie ist musikalisch vielleicht nicht so schlüssig", enthält keinen Ohrwurm, dafür aber "tolle Momente" und sei reizvoll durchkomponiert. Wie in "Pagliacci" - nur ohne Mord - umrahmt auch hier das Künstlermilieu eine menschliche Tragödie: Der Bühnen-Star Zazà verliebt sich in den Geschäftsmann Milio aus Paris. Der hat aber nicht nur eine dicke Brieftasche, sondern tischt der Frau auch eine ebensolche Lüge auf - dass er nämlich ungebunden sei. Der Künstlerkollege Cascart weiß vom Gegenteil und will warnen. Er tut das aber nicht ohne Eigennutz, wie sein Darsteller Maltman erzählt: "Er war mit Zazà zusammen und wurde später eine Art Vaterfigur für sie, hat aber nie aufgehört, sie zu lieben. Jetzt will er sie retten, aus selbstsüchtigen Motiven."

Dass Maltman bei der Ehrenrettung der "Zazà" mithilft, liegt nicht nur an der Oper selbst: Es war die "Kombination aus den richtigen Personen, der richtigen Zeit, dem richtigen Ort". Eine Premiere mit Regisseur Christof Loy hätte ihn schon länger gereizt, ans Theater an der Wien wollte er sowieso zurückkehren. Außerdem hätten die "Zazà"-Termine gut in seinen Zeitplan gepasst. Nun ja, jedenfalls in den vollen von damals.

"Giovanni"-Flashback

Den hat Corona aber ordentlich aufgemischt. Maltman, in den Vorjahren immer wieder in zeitgenössischen Raritäten zu sehen, wollte sich in der nächsten Saison eigentlich vor allem dem italienischen Bariton-Repertoire widmen. Doch die Pandemie brachte dann zwei langfristig geplante Übersee-Projekte, eine "Traviata" und einen "Rigoletto", zu Fall.

Stattdessen haben Maltman nun kurzfristige Angebote aus Europa erreicht. Für den Briten doppelt unverhofft: Einerseits ist er an jahrelange Vorlaufzeiten gewöhnt, andererseits torpedieren die Anfragen seine Repertoireplanung. Rom, Madrid und Barcelona haben ihn nämlich als Don Giovanni gebucht - eine Rolle, der er mit 50 langsam Adieu sagen wollte.

Mozarts Schwerenöter kommt ihm jetzt freilich als Rettungsengel zur Hilfe. Die Lage war "erschreckend", sagt Maltman: "Es gibt diesen verbreiteten Irrglauben, dass wir Sänger von Liebe, Musik, Gesang und was weiß ich leben. Aber wir brauchen auch Geld. Ich kann nicht ein Jahr lang keiner Arbeit nachgehen, an einem gewissen Punkt ist das Konto leer. Darum bin ich unendlich dankbar für diese Serie an Giovannis."

Apropos: Dankbarkeit empfindet Maltman auch gegenüber der Mozartstadt, wegen ihrer Vorreiterrolle in den gebeutelten Zeiten. "Die Salzburger Festspiele waren die ersten, die der Welt gezeigt haben, dass ein großes Live-Event klappt. Jetzt fangen die Staatsoper an, das Theater an der Wien - hoffen wir, es ist ein Beginn."