Und dann wirkt das Gift. Der Rücken des Greises schmiegt sich an den Boden, die Augen schließen sich, das Volk spendet ein letztes Geleit. "Friede mit ihm!", umwogt es den Dogen Simon Boccanegra.

Plácido Domingo, selbst hochbejahrt, verkörpert den alten, weisen Titelhelden des Giuseppe Verdi dieser Tage wieder an der Staatsoper. Anders als die vergiftete Opernfigur, ist ihr Darsteller ein Wunder an Unverwüstlichkeit. Kaum ein Stern hat am Tenorhimmel länger geleuchtet als seiner, kaum einer hat danach eine so ertragreiche Bariton-Karriere begonnen. Und kaum einer zeigt sich von Widernissen so unbeeindruckt. Domingo, dem Papier nach 79, hat heuer eine Covid-Infektion überlebt und MeToo-Vorwürfe gegen seine Vergangenheit.

Gleichwohl nagt der Zahn der Zeit auch am spanischen Energiebündel. Domingos einst so wohlige Klangfarbe ummantelt seinen Gesang nur noch selten, und seine Stimmkräfte vermag er nicht mehr so mir nichts, dir nichts anzuspannen. Aber: Der Publikumsliebling lässt diese Gebrechlichkeit in seine Rollengestaltung einfließen, und er weiß mit begrenzten Ressourcen hauszuhalten. Wie ein betagter Boxer schlägt er nur in ausgesuchten Momenten voll zu - wenn es etwa gilt, einem Fluch tragisches Format zu verleihen.

Rund um den rührenden Weißschopf viel Stimmkraft in der Mantel-und-Degen-Regie von Peter Stein: Der Usbeke Najmiddin Mavlyanov (Gabriele Adorno) stellt sich dem Haus als gestandener Tenor vor, mit cremesüßen Kantilenen, aber auch wuchtigen Dezibelspitzen - eine Disziplin, in der ihm die Russin Hibla Gerzmava (Amelia) mit gemeißelt scharfen Sopranlinien um nichts nachsteht. Die geharnischten Töne von Günther Groissböck (Fiesco) fügen sich stimmig ins Bild, während Dirigent Evelino Pidò für den nötigen Zusammenhalt sorgt. Zuletzt hatten die Domingo-Fans das Wort: Applaus-Stürme und Bravo-Böen für den Jahrhundertsänger.