Calderón de la Barcas "Das Leben ein Traum" (1635) gehört zu den bekanntesten Dramen des Welttheaters, das doch kaum je aufgeführt wird. Nun wird damit die neue Spielzeit am Burgtheater eröffnet, Intendant Martin Kušej inszeniert, Premiere ist am 11. September.

Franz Pätzold, ein neuer Stern am Burgtheater-Himmel, hier in der Rolle des Sigismund in "Das Leben ein Traum". - © Andreas Pohlmann
Franz Pätzold, ein neuer Stern am Burgtheater-Himmel, hier in der Rolle des Sigismund in "Das Leben ein Traum". - © Andreas Pohlmann

Die Zurückhaltung der Bühnen im Umgang mit Calderóns Meisterwerk mag in den für Barockdramen typisch ausufernden Handlungssträngen liegen: König Basilius sperrt wegen einer Prophezeiung seinen Sohn von Geburt an in einen Turm, nach Jahren besinnt sich der König, setzt den in völliger Isolation großgewordenen Sigismund plötzlich auf den Thron. Self-Fulfilling-Prophecy: Sigismund wütet wie ein Wilder, wird unverzüglich wieder weggesperrt, um in einem irrwitzigen Coup vom Volk erneut auf den Königsstuhl gehievt zu werden. Es folgt die unglaubliche Kehrtwende: Der gehasste wandelt sich zum geliebten Herrscher, selbst dem grausamen Vater wird handstreichartig verziehen.

Wie geht man mit einer Figur um, die solche Kapriolen schlägt? "Am Anfang stellen sich wahnsinnig viele Fragen: Wer ist dieser Kerl? Was treibt ihn an?", sagt Franz Pätzold im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", der 31-jährige Burg-Schauspieler verkörpert den gepeinigten Sigismund. "Er wird in extreme Situationen geworfen - vom Kerker zum Thron und wieder zurück, diesen wilden Sprüngen muss man sich als Schauspieler annähern, das ist dankbares Spielmaterial." Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Figur ist die Kerkerhaft: "Was ihm dort wieder fahren ist, darüber gibt das Stück keine Auskunft, das ist der Fantasie überlassen", so Pätzold, "wuchs er wie ein wilder Mensch auf? Wie viel Bildung erfuhr er? Wurde ihm Gewalt angetan? Auf jeden Fall verfügt er über ein komplett anderes Weltbild als alle anderen, er hat überhaupt keinen Begriff davon, welche Konsequenzen seine Taten mit sich ziehen, er weiß nicht, was es bedeutet, einen Menschen zu töten, ihm fehlt in grundlegenden Dingen der Austausch mit anderen." Als halb Mensch, halb Tier wird er einmal im Stück beschrieben, das sei "eine Zuschreibung der Gesellschaft", so Pätzold. "Natürlich ist er ein Mensch, aber ihm fehlt die Identitätsbildung, er weiß nicht, was ihn als Mensch ausmacht."

Was heißt Leben?

Franz Pätzold, geboren 1989, im Jahr des Mauerfalls in Dresden, kommt aus einer kulturaffinen Lehrerfamilie, früh zog es ihn ans Theater, bereits im Schulspiel engagierte er sich, spielte Straßentheater mit politischem Auftrag gegen den aufkeimenden Neofaschismus, nach der Schauspielausbildung in Leipzig führte ihn ein Engagement ans Münchner Residenztheater, Marin Kušejs damaliger Wirkungsstätte.

Pätzold spielte sich bald in die erste Riege vor, arbeitete mit so konträren Theatermachern zusammen wie Ulrich Rasche, Frank Castorf und Oliver Frljić, stets auf der Suche nach einer neuen Formensprache. "Das ist nicht immer einfach, aber genau darin liegt für mich der Spaß", sagt Pätzold. "Es ist wie ein permanenter Neuanfang, verbunden mit permanenter Unsicherheit, müsste ich immer die gleiche Sache abliefern, würde ich den Beruf gar nicht ausüben wollen. Da ist viel möglich, von dem ich selbst noch gar nicht weiß." Im Vorjahr, mit Beginn von Kušejs-Direktion am Burgtheater, übersiedelte der Akteur von München nach Wien. In der Eröffnungspremiere der vorigen Spielzeit überzeugte er etwa als Dionysos in Ulrich Rasches "Bakchen"-Inszenierung.

Bekannt ist Calderóns "Das Leben ein Traum" vor allem wegen des Vexierspiels von Sein und Schein, Traum und Wirklichkeit, ein beliebtes Sujet im Barockdrama, das der Poet wortmächtig wie vielleicht nur William Shakespeare auszudrücken vermochte. "Was heißt Leben? Sich mit Schatten schlagen. Was heißt Leben? Sich um Nichts viel plagen! Denn auch das größte Glück ist klein. Und alles Leben ist nur Schein und alles Streben eitler Schaum und selbst der Traum vom Traum nur Traum", lautet eine viel zitierte Verszeile. Drei Akte lang stellt der spanische Jesuit gefinkelt die Frage nach dem freien Willen und dem Schicksal: Schreibt der Mensch seine Vita selbst oder ist er höheren Mächten ausgeliefert? "Eine philosophisch interessante Frage", sagt Pätzold, "wir verfügen über ein äußerst limitiertes Bild von Träumen, dabei wird unser Begriff von real und irreal gerade durch virtuelle Realitäten extrem herausgefordert", sagt Pätzold. Auf der Bühne gäbe es in "Das Leben ein Traum" indes keine Traumwelten zu besichtigen, nur "knallharte Realität", vor allem für Sigismund. Wie Pätzold sich diesen stellen wird, davon kann man sich ab diesen Freitag am Burgtheater ein Bild machen.