Als Adolf Bruno Preglej startete er 1950 als Achtjähriger seine Ausbildung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Als André Doutreval feierte er Erfolge als Tänzer, Choreograf, Ballettmeister und Tanzpädagoge in Deutschland und der Schweiz. Anlässlich des Erscheinens seiner Biografie "Ein Leben für den Tanz - Die Geschichte einer Leidenschaft" plaudert er mit der "Wiener Zeitung" über das Älterwerden als Tänzer, seine avantgardistischen Werke und die heutige Tanzsituation.

"Wiener Zeitung": Sie blicken in Ihrem Buch auf 70 Jahre Tanzgeschichte zurück - Ihre sehr persönliche Geschichte. Wie schwierig ist es für einen Tänzer, älter zu werden? Also wenn die Muskeln und Gelenke nicht mehr so können wie gewohnt.

André Doutreval mit seiner Ehefrau Silvia Heammig 1963 im Ballett "Schwanensee". - © Privat
André Doutreval mit seiner Ehefrau Silvia Heammig 1963 im Ballett "Schwanensee". - © Privat

André Doutreval: Meine Frau (Anm. Silvia Heammig) und ich hatten ein gemeinsames Motto: "Füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz, aber räume ihn auch getrost, es fehlt nicht an Ersatz." So haben wir 56 Jahre gemeinsam unsere Arbeit und auch Privates gelebt - sie ist leider 2017 verstorben. Ich hatte vor allem in den Knien große gesundheitliche Probleme, sodass ich die Übungen in der Ballettschule nicht mehr vorzeigen konnte. Eines Tages forderte mich eine langjährige Schülerin auf, ich solle eine Übung doch zeigen. Da fuhren meine Antennen aus. Daraufhin habe ich von anderen Lehrern unterrichten lassen und 1995 die Schule verkauft. Wenn ich aufhöre, dann höre ich auf - wie auch schon bei meiner Tanzkarriere.

André Doutreval 1950 bei der Aufnahmeprüfung an die Ballettschule der Wiener Staatsoper. - © Privat
André Doutreval 1950 bei der Aufnahmeprüfung an die Ballettschule der Wiener Staatsoper. - © Privat

Sie haben sich bereits 1985 in der "Umweltlichen Geschichte" mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. Was hat sie zu einem gesellschaftspolitischen Thema für Tanz inspiriert?

Wir haben uns am Stadttheater Kassel immer schon mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandergesetzt. Wir haben etwa "Anna" kreiert, das auf dem Film "Anna und die Wölfe" von Carlos Saura basiert. Ein Fetischist, ein Sexist und ein Militarist vergewaltigen und missbrauchen das Kindermädchen am Ende des Stücks, letztlich wird sie dann auch ermordet. Es gab bei der Premiere ein Buhkonzert. Oder auch die Trilogie "Life, Birthday, Crash": Darin wird eine Puppe bzw. ein Roboter am Ende intelligent. Was haben wir heute? Auch gab es in dem Stück Menschen mit Handys. Sie wurden mithilfe von Schnüren von einem Roboter bewegt. Das war 1980/1981. Wir werden heute manipuliert von der Technik. Damals kamen ganze Schulklassen mit ihren Lehrern, um dieses Stück zu sehen. Mit ihnen haben wir danach diskutiert, und sie stellten mir oft die Frage, wie ich auf so eine Idee gekommen wäre. Es gibt Dinge, die liegen in der Luft. Die muss man nur erkennen.

André Doutreval. - © Dan Riesen
André Doutreval. - © Dan Riesen

Sie haben 70 Jahre lang Tänzer gesehen oder ausgebildet. Welche Vorteile bringt eine Ballettausbildung für das Leben?

Es ist eine Schule des Lebens, Disziplin, Umgang mit Menschen, Ausdauer und absolute körperliche Intensität.

Würden Sie rückblickend etwas in Ihrem Leben verändern?

Nein! Vielleicht waren wir zu bescheiden, wir haben uns nicht als so wichtig empfunden wie einige andere Kollegen. Genauer möchte ich mich nicht dazu äußern. Wir haben einfach nur unsere Arbeit getan. Sieben Tage die Woche, und das mit Liebe. Die Einnahmen aus der Ballettschule haben wir für Produktionen ausgegeben, denn wir mussten unsere Stück und Tourneen meistens ohne öffentliche Zuschüsse auf die Bühne bringen.

Wie sehen Sie die Tanzsituation heute?

Das, was ich heute an den Ballettdirektoren reklamiere, ist, dass sie alle Tanztheater zeigen wollen. Eine Pina Bausch gab es nur einmal. Nicht jeder ist fähig, Tanztheater zu machen, und das geht auf Kosten der Spitzenschuhe. Klassischer Tanz ist einfach kostenintensiver: Man braucht größere Ensembles und oft auch teurere Inszenierungen und Orchester. Es hat sich vieles bei den Anforderungen an die Tänzer verändert. Das gab es damals nicht.

Sie sind mit Rohrstock trainiert worden. Ein Arzt hatte Sie massiert und Sie hätten Avancen bekommen. Begebenheiten, in denen Sie sich unwohl gefühlt haben. Haben diese Erlebnisse Sie in Ihrem weiteren Leben geprägt?

In meiner Jugend sind Frauen und Männer auf mich geflogen (lacht). Ich habe mich dank der Erziehung meiner Mutter gut schützen können.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Hochs und Tiefs Ihrer Karriere. Welche Eigenschaften muss man besitzen, um eine Tänzerlaufbahn durchzuhalten?

Entweder muss man mit Leidenschaft bei der Sache sein, oder man muss es gleich sein lassen. Alles andere macht keinen Sinn.