Thomas Köck (34) gehört zu den bedeutendsten österreichischen Gegenwartsdramatikern. Psychologische Figurenführung und realistische Arrangements sind seine Sache nicht, seine Stücke leben von ideengeschichtlichen Motiven, politischer Empörung und popkulturellen Bezügen. Damit trifft er offenbar einen Nerv. Im Vorjahr wurde er etwa mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, nun eröffnen gleich zwei heimische Bühnen die neue Spielzeit mit seinen Stücken: Im Grazer Schauspielhaus steht "dritte republik - eine vermessung" auf dem Spielplan und das Wiener Akademietheater bringt die Uraufführung seiner Sophokles-Bearbeitung heraus.

- © Matthias Horn
© Matthias Horn

In "antigone. ein requiem" deutet Köck die antike Vorlage konsequent als Anklage der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik um. Nicht Antigones verstorbener Bruder, dem aus politischer Räson die letzte Ruhestatt verwehrt ist, wird zum Auslöser des Konflikts, sondern die zahllosen verstorbenen Flüchtlinge, die sich am Strand von Theben türmen.

Thomas Köck: Autor mit Dezibel. - © Lilly Busch
Thomas Köck: Autor mit Dezibel. - © Lilly Busch

Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Autor über die gegenwärtige Flüchtlingspolitik, zivilen Ungehorsam und seinen Umgang mit Geschichte am Theater.

"Wiener Zeitung":Unsere Gesellschaft hat keinerlei Probleme damit, die unbekannten Toten, die die gefahrvolle Passage über das Mittelmeer nicht überleben, einfach zu begraben und die Migrationspolitik weiterzuführen. In Ihrem Stück "antigone. ein requiem" entspinnt sich daraus jedoch ein massiver Konflikt. Warum hadert Kreon in Ihrer Deutung dermaßen mit der Bestattung der Flüchtlinge?

Thomas Köck: Wir begraben diese Menschen und gehen mehr oder weniger ungetrübt über sie hinweg, genau. Man könnte ja mal vorschlagen, die Menschen nicht nur zu begraben, sondern sie öffentlich zu beerdigen und zu betrauern, mit allem, was dazugehört. Dann kämen die Regierungen sofort in den gleichen Konflikt wie Kreon. Das ist der große Unterschied. Trauer ist unheimlich und unheimlich politisch. Und begraben ist nicht gleich beerdigen. Dass die Bundesregierung just am Todestag von Alan Kurdi ablehnt, schutzsuchende Kinder aufzunehmen, und im Angesicht des brennenden völlig überfüllten Abschreckungs- und Flüchtlingslagers auf Lesbos noch einmal nachsetzt und bekräftigt, dass man niemandem aufnehmen will, verrät, dass es mit der Trauer der Christdemokraten über Tote und menschliches Leid nicht weit her ist. Es ist eine einzige große Schande.

Wofür stehen die Kontrahenten Antigone und Kreon bei Ihnen?Bei Sophokles vertreten sie konträre Weltbilder - politische versus religiöse Ordnung, Macht gegen Gewissen. Gibt es heute noch solch robuste Ideale, die sich mit den antiken Vorbildern vergleichen ließen?

Ich glaube, das Interessante an Antigone und Kreon war immer die unmögliche Vereinbarkeit ihrer Positionen und die Radikalität der Forderungen. Darin liegt auch das Tragische begraben. Es wird keinen Frieden geben. Antigone interessiert sich nicht für einen Kompromiss, wie es quasi parteipolitische Tagespolitik wäre. Ihr geht es um Grundsätzliches, das den Staat in seiner korrumpierten Struktur angreift. Und in ihrem Beharren werden letztlich die faulen Ausreden und die endlose Schuld in Kreons System sichtbar, die es wiederum benötigt, um zu funktionieren. Leid, das man für den eigenen Vorteil in Kauf nimmt. Und alle wissen darum. Und wissen, dass es keine Alternative gibt. Alle haben Schuld. Und das zu verstehen, auch sich selbst in den Reihen der Schuldigen wiederzusehen, darin liegt die wahre Tragödie.

Antigone gilt als Musterbeispiel zivilen Ungehorsams, wie ist es damit heute noch bestellt?

Die meisten Menschen haben ja ihren Ungehorsam (ob der zivil ist, würde ich dann gesondert hinterfragen) ins Netz verlagert. Da sind sie alle neuerdings Hobbyvirologen, Fußballtrainer, schimpfen munter vom Sofa runter oder in Social Media hinein. Das ist nicht ungehorsam, das ist nur Clickbait. Ich würde sagen, es gibt viele Menschen, die mit tatsächlichem zivilen Ungehorsam viel riskieren - sie wohnen allerdings nicht oder sehr selten in Zentral- oder Mitteleuropa. Leider.

Nicht wenige erhoffen sich eine bessere Welt nach der Pandemie. Corona-Romantik?

Ja. Definitiv. Also die Post-Corona-Welt zeigt sich ja schon. Die Börsen sind zum Teil wieder im Hochflug, Corona hat dem digitalen Monopolismus als Treppenhalter gedient, Jeff Bezos hat das Jahreseinkommen eines mittleren Staatshaushalts verdient, während unzählige Prekäre nach wie vor nicht wissen, wie sie durch die nächsten Monate kommen sollen. Ich habe auch nie verstanden, dass manche dachten, Trump werde zwei Monate in den Lockdown gehen und dann als geläuterter feministischer, antiimperialistischer Marxist wiederkehren. Ganz im Gegenteil: Alle Konflikte wurden verschärft und noch viel deutlicher ausgeleuchtet.

Der Chor ist für Sie ein elementares Stilmittel, in "antigone. ein requiem" stellt er drängende Fragen wie: "was hält den kontinent zusammen?" Was denken Sie?

Na, wenn ich das wüsste, müsste der Chor nicht danach fragen. Ich stelle das wirklich als archaisches Fragezeichen in den Raum.

Sind Sie auf der Suche nach einem neuen politischen Theater?

Vielleicht. Vorerst suche ich nach Antworten auf Fragen, die mich beschäftigen.

Mit der "Klimatrilogie" und der dreiteiligen "Kronlandsaga" vermessen Sie einen größeren Erzählhorizont, was interessiert Sie an mehrbändigen Stückvorlagen?

Gerade zeitgenössische Theaterstücke werden ja oft so lieblos behandelt. Und ich wollte den Texten auch wieder ein Gewicht verleihen und markieren, dass das Denken für mich nicht endet, nur weil ein Stück vorbei ist. Außerdem ist es auch ein kleiner Hinweis auf die antike Tragödie, die von Anbeginn her in Trilogien gedacht hatte. Also nicht "Star Wars" hat’s erfunden, sondern das antike Theater.

Die "dritte republik - eine vermessung, dritter Teil der Kronlandsaga" wird nun in Graz aufgeführt. Wie hängen die drei Stücke zusammen? Was verbindet die reale Geschichte des Bauernbefreiers Hans Kudlich mit einer fiktiven Landvermesserin, die das zerfallene Habsburgerreich vermisst?

Die Kronlandsaga ist eine Auseinandersetzung auch mit österreichischer Geschichte. Darin hat mich die Übergangszeit vom Habsburgerreich hin zu den Nationalstaaten bis hin zur Globalisierung interessiert. Insofern kreuzen sich deren Wege eher historisch. Das Amerika, in das Hans Kudlich aus dem Habsburgerreich flieht, der wilde Westen, ist eigentlich eine völlig andere Zeit. Er flieht nicht nur geografisch, sondern auch durch die Zeiten zurück in die Pionierzeit. Das Habsburgerreich war für ihn vorbei, als er weg war aus Europa, es war tatsächlich eine andere, vergangene Zeit. Nationale Zeit ist also auch relativ. Und die Landvermesserin stellt wiederum fest, dass Grenzen relativ sind. Temporär wie geografisch.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist wesentlicher Bestandteil Ihrer Dramatik, was bedeutet die Historie für Ihr Schreiben?

Ich glaube halt nicht an diese Idee von "Gegenwartskunst". Also Strömungen wie der Expressionismus und Elektro-Indie Bands überhaupt die Avantgarde, die wollten ja nach vorne, wo auch immer das verortet wurde. Heute sind alle zufrieden, wenn sie Teil der "Gegenwartskunst" sind. Das reicht dann schon. Das ist allerdings ein dermaßen hohler Begriff, der eigentlich keine Dynamik mehr besitzt, nur noch Wert produzieren soll. Mich interessiert Historie auch einfach, um verschütt gegangene Ideen wieder für die Zukunft zu aktivieren. Ein bisschen wie Archäologie. Nur mit mehr Dezibel.