Draußen lotste ein Farbleitsystem die Gäste zu ihren Plätzen, drinnen erklärte Hausherr Robert Meyer in einem Video humorvoll die aktuellen Corona-Regeln für das Haus am Gürtel. Derlei Prozedere gehört momentan einfach zum Kulturgenuss dazu, hemmt diesen aber keineswegs.

Als erste Premiere dieser Saison präsentierte die Volksoper Wien "Sweet Charity" von Cy Coleman. Das Musical mögen nicht alle auf Anhieb kennen, den größten Hit daraus, "Big Spender", aber mit ziemlicher Sicherheit. Uraufgeführt in New York 1966 basiert das Musical auf dem preisgekrönten Film "Die Nächte der Cabiria" von Federico Fellini. Neil Simon schrieb das Buch, Dorothy Fields die Gesangstexte und Cy Coleman die Musik. Coleman war ein exzellenter Pianist, der bereits mit sechs Jahren in der Carnegie Hall auftrat und später für Größen wie Duke Ellington Arrangements anfertigte. Das von Frank Sinatra gern gesungene "Witchcraft" stammt von ihm.

Drew Sarich und das Ensemble begeistern. - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
Drew Sarich und das Ensemble begeistern. - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

"Sweet Charity" ist ein klassisches Big-Band-Musical mit einer Vielzahl an verwendeten Stilen: Swing, Jazz, Latin, selbst eine Passacaglia wird zitiert. Das Orchester der Volksoper Wien unter Lorenz C. Aichner widmete sich all diesen Richtungen mit Verve und größter Spielfreude. Die Geschichte ist schnell erzählt: Charity Hope Valentine ist Hostess in der Fandango-Bar in New York, trägt das Herz auf der Zunge, gibt mehr, als sie nimmt, glaubt fest an die Liebe und wünscht sich ein ganz normales Leben. Mit Männern hatte sie bislang kein großes Glück. Als sie Oscar kennenlernt, scheint ein ganz normales Leben endlich in greifbarer Nähe zu sein. Doch wie ihm erzählen, womit sie ihr Geld verdient?

Die Liste der bisherigen Charity-Darstellerinnen reicht von Shirley MacLaine über Dagmar Koller bis Christina Applegate. An der Volksoper ist Lisa Habermann in dieser Rolle einfach umwerfend: ein rot gelockter Wirbelwind mit starker Stimme und absolut glaubhafter Charaktergestaltung. Aus dem quirligen Haufen ihrer Kolleginnen sticht Caroline Frank hervor.

Regie im "zeitlosen Gestern"

Regisseur Johannes von Matuschka belässt das Geschehen im Grunde in der Entstehungszeit. Im Programmheft ist von einem "zeitlosen Gestern" die Rede. Altbacken trifft es ebenso. Bunte Leuchtbuchstaben, viel Nebel und eine Drehbühne bilden die Hauptbestandteile der Inszenierung. Die Kostüme (Tanja Liebermann) sind eine Mischung aus irgendwie sexy, verhuscht, bieder (Peter Lesiak trägt als Oscar beige Cordhosen) und klassisch klischeehaft. Einige Episoden reihen sich (bruch)stückhaft aneinander, andere Übergänge gelingen fantasievoll nahtlos - etwa der plötzliche Wechsel zu einer U-Bahn-Szenerie. Blitzlichter sind der Auftritt von Drew Sarich als exaltierter Guru Daddy Brubeck, Axel Herrig als Schönling Vittorio und Nicolaus Hagg als Bonsai schnippelnder Arbeitsvermittler.

Die Texte hat Alexander Kuchinka süffig ins Deutsche übertragen. Gör reimt sich auf Sir, aus "Fickle Finger of Fate" wird "schnöde Schrulle des Schicksals". Für "In mir klingt’s wie Blasmusik" gibt’s hingegen keinen Preis zu gewinnen. In einigen Ensembleszenen ging die Textverständlichkeit zwischen geschwungenen Tanzbeinen, Pompoms und Fransenkleidern unter.

Die Fußstapfen des legendären Choreografen Bob Fosse sind immens groß. Damian Czarnecki kreierte viele mitreißende Passagen. Zum Höhepunkt wurde die Nummer "The Rich Man’s Frug", in der sich Bühne und Zuschauerraum in eine glitzernde Discokugel verwandelten. Nach drei Stunden schließlich kein klassisches Happy End. Eigentlich eine Besonderheit, durch die diese Story dann doch recht heutig wirkt. In Summe kurzweilige Unterhaltung mit viel Schwung, einem Hauch von Mottenkiste und einer leidenschaftlichen Crew.