Die Bühne des Burgtheaters - nachtschwarz. Donnergrollen. Schließlich grelles Licht. Einen Moment lang ist ein junger Mann zu erkennen, der reglos auf einer Art Seziertisch liegt, entblößt und besudelt. In Sekundenschnelle wechseln Dunkel und Hell. Franz Pätzold kniet nun auf dem Tisch, gleich darauf verzerrt der Schauspieler seinen Mund zu einem lautlosen Schrei, einige Wiederholungen folgen noch, bei denen die Elendsgestalt jedes Mal eine andere Pose einnimmt.

"Das Leben ein Traum", Calderón de la Barcas Drama, das Intendant Martin Kušej zur Saisoneröffnung inszeniert, hebt im Burgtheater überaus effektvoll an: Verstörende Bilder-Reigen samt der Dramaturgie des scharfen Schnitts, der hier die lebenslange Kerkerhaft von Sigismund illustrieren soll, ist ein wiederkehrendes Element der Kušej-Ästhetik. Greift das Kalkül, dringen die Szenencollagen in die tieferen Dimensionen der Stücke vor; im Fall von "Das Leben ein Traum" bleibt das bildmächtige Vorspiel leider unverbunden mit der folgenden dreieinhalbstündigen Aufführung.

Calderon und Corona

Das Vexierspiel um die Frage, ob der Mensch sein Schicksal selbst bestimmt oder zeitlebens Mündel fremder Mächte bleibt, findet zum Auftakt einer Spielzeit statt, die im Schatten zahlloser Sicherheitsauflagen steht: Viele Zuschauer tragen den Mund-Nasen-Schutz während der Vorstellung, aus Sicherheitsgründen ist jeder von freien Plätzen flankiert, Eintrittskarten sind für allfälliges Contact-Tracing personalisiert.

"Das Leben ein Traum" zählt nun zu den bekanntesten Dramen des Welttheaters - und wird dennoch kaum aufgeführt. Das mag an der für Barockdramen typisch haarsträubenden Handlung liegen: König Basilius sperrt einer Prophezeiung wegen seinen Sohn von Geburt an in einen Turm; nach Jahren besinnt er sich und setzt den in völliger Isolation großgewordenen Sigismund auf den Thron. Es kommt, wie es kommen muss: Sigismund wütet wie ein Wilder, wird unverzüglich wieder weggesperrt, um nach einer Revolution erneut auf den Königsstuhl gehievt zu werden. Schließlich wandelt sich der Königssohn zum geläuterten Herrscher, verzeiht seinem grausamen Vater und inhaftiert jenen Revolutionär, der ihn, Sigismund, eben noch aus dem Kerker befreite: Die Ordnung soll nicht wanken, selbst wenn sie auf blindwütiger Gewalt gebaut ist.

Calderons Stück, 1635 während der Hochblüte des 30-jährigen Krieges entstanden, erzählt von einem Kontinent, der aus den Fugen geraten ist. Was heute verhandelt wird, kann morgen Makulatur sein, weil sich die Gefechtslage über Nacht geändert hat: für Calderons Zeitgenossen war das bittere Gewissheit. Und heute?

Drei Stunden lang wird im Burgtheater der Klassiker tapfer als festlich zelebrierte Entgleisung geboten; das neunköpfige Ensemble steckt in apart-historisierenden Kostümen von Heike Kastler und tummelt sich in einem eleganten, gänzlich in schwarz-weiß-grau getauchtem Bühnenbild von Annette Murschetz, gestützt von Bert Wredes Klangteppich.

Zu den darstellerischen Höhepunkten zählen die schmerzvollen Vater-Sohn-Begegnungen: Norman Hacker ringt als König Basilius mit seiner Vaterliebe, und Franz Pätzold stellt eindrucksvoll den verlorenen Sohn dar. Souveräne Bühnenprofis kapern das Geschehen und eignen sich die Handlung auf beeindruckende Weise an: seltene Momente schauspielerischer Intensität. Der Restabend präsentiert sich eher als etwas behäbiges Werk gereifter Theatermacher: Die inszenierten Bilder sitzen, die Tableaus sind stimmungsvoll, alles läuft handwerklich wie geschmiert, lässt einen aber seltsam unberührt. Warum Kušej ausgerechnet dieses Stück auf die Bühne hob, bleibt trotz der szenischen Bemühungen ein Rätsel.

Als Epilog lässt der Regisseur die Bühnenfigur Rosaura - eindrucksvoll: Burgtheater-Neuzugang Julia Riedler - einen Monolog sprechen, der Pier Paolo Pasolinis wenig bekanntem Stück "Calderon" entliehen ist, in dem über Macht und Ohnmacht der Eingeschlossenen räsoniert wird, der Schlusssatz lautet: "Ihr seid frei!" Kommentar zum Lockdown? Durchhalteparole für kommende Pandemie-Wellen? Anfang und Ende lassen einen in Burgtheater eher ratlos zurück. Vorhang zu und alle Fragen offen.