Was passiert, wenn einem Verstorbenen die letzte Ruhestätte verwehrt wird? Sophokles entwickelte aus diesem archaischen Konflikt das Stück "Antigone": Weltbilder prallen in dem Drama aufeinander - Politik und Menschlichkeit, Gesetz und Glaube, Macht und Ohnmacht. Im Zentrum stehen Fragen nach zivilem Ungehorsam und Widerstand gegen die Ordnungsmacht, die Antigone mit dem Leben bezahlt.

Thomas Köck, einer der bekanntesten heimischen Gegenwartsautoren, hat die antike Vorlage in seiner Bearbeitung "antigone. ein requiem" nun umgedeutet: Bei Köck geht es nicht um den verstorbenen Bruder ohne Grab, sondern um die zahllosen Flüchtlinge, die bei der Passage über das Mittelmeer gestorben, deren Leichen sich am Strand von Theben türmen. Wen gehen die Namenlosen etwas an? In Köcks Bearbeitung wird aus dem Konflikt zwischen Kreon und Antigone ein Disput über Menschenrechte und Werte unserer Gesellschaft. Der Neoliberalismus und die rigide Flüchtlingspolitik der Regierung werden ebenso angeklagt wie die politische Lethargie der "späterdenbewohner", wie Köck die Zeitgenossen nennt. Ein packendes Stück, das durch die aktuellen Geschehnisse auf Lesbos leider an Brisanz gewinnt.

Einfarbig und blass

Regisseur Lars-Ole Walburg hat sich für die Uraufführung im Akademietheater einen erstaunlich reduzierten Zugang ausgedacht. Die Bühne ist leer geräumt und leicht schräg gestellt, das siebenköpfige Ensemble ist gemäß der antiken Inszenierungspraxis arrangiert: eine strikte Abfolge von Monologen und Dialogen strukturiert die 90-minütige Aufführung, unterbrochen von solide geführten Chorpassagen.

Walburg baut ganz auf den Inhalt des Stücks - und widersteht szenischen Spielereien. Das kann leider nicht über die Einförmigkeit des Theaterabends hinwegtäuschen. Bis auf wenige szenische Momente, in denen Sarah Viktoria Frick als Antigone mit aller Kraft auf ihrer sturen Position beharrt, sowie einem glanzvollen Auftritt Dorothee Hartingers als Kreons Ehefrau, welche den Verlust ihres Kindes beklagt, erweist sich die Aufführung in schauspielerischen Belangen als eher einfarbig. Selbst Markus Scheumann bleibt als Machtmensch Kreon ziemlich blass.

"antigone. ein requiem" möchte durch Stille Konzentration erzeugen, mit szenischer Kühle drängenden Themen begegnen - und endet als ein Hochamt der Weltanklage.

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