Genau 20 Jahre lang hat Magda Leeb an Hauptschulen unterrichtet, ehe sie 2019 den Job als Lehrerin aufgegeben hat. Fast genauso lang steht sie auch als Impro-Kabarettistin auf der Bühne. Für ihr aktuelles Programm "Die Kaiserin von Österreich" (nächste Termine: 16. September und 2. Oktober in der Kulisse Wien) wird sie nun beim Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Die Jury nennt ihre Improvisationskunst "ein sympathisches Plädoyer gegen das Sicherheitsdenken in einer Welt, in der ohnehin nichts mehr sicher ist". Sie habe das Impro-Kabarett "als ganz eigenes Unterhaltungsgenre perfektioniert". Mit dem Publikum als herausforderndem Impulsgeber thematisiere Leeb aus dem Stegreif Banales ebenso wie politisch Brisantes, spontan, selbstironisch und ganz ohne Sicherheitsnetz. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" erklärt die Kabarettistin selbst, warum sie als Impro-Kabarettistin lieber drinnen spielt, wie sie die Wertigkeitsdebatte über den Kulturbereich empfunden hat und welche Bildungsreform sie als Kaiserin von Österreich durchführen würde.

In ihrem aktuellen Programm tritt Magda Leeb als Kaiserin von Österreich auf. - © Rupert Pessl
In ihrem aktuellen Programm tritt Magda Leeb als Kaiserin von Österreich auf. - © Rupert Pessl

"Wiener Zeitung": Wie ist es Ihnen als freiberufliche Kabarettistin in den vergangenen Monaten ergangen?

Magda Leeb: Es hat sich einiges ergeben, es sind manche neue Dinge aufgepoppt. Im Großen und Ganzen ist es bisher noch recht glimpflich. Ich kann mich als Impro-Künstlerin auch im Business-Theater oder bei Online-Konferenzen gut einbringen und austoben, mache Impro-Workshops, entwickle verschiedene Projekte und führe auch Regie für Kolleginnen und Kollegen. Das mache ich auch sehr gerne, es macht viel Freude, solche Geburtsprozesse einzuleiten. Ich bin also im Humorfach vielfältig tätig. Aber ich muss schauen, wie sich die neue Saison entwickelt, wie das kommende Jahr wird. Das kann ja derzeit keiner abschätzen.

Wie haben Sie die öffentliche Debatte über die Systemrelevanz des Kulturbereichs empfunden?

In Zeiten, in denen eine Pandemie über die Welt hereinbricht, ist es natürlich für den Otto Normalverbraucher, der vielleicht nicht wahnsinnig reflektiert ist, schwierig, sich zu überlegen, wie es den verschiedenen Berufsgruppen geht. Natürlich war Schritt eins erst einmal, die größten Gefahren abzustecken und einzugrenzen. Ich denke, das ist ein unheimlich schwieriges Unterfangen. Dass dann für viele von außen betrachtet die Kultur am wenigsten wichtig war, ist mir auf einer gewissen Ebene schon klar, weil es halt sozusagen schon wie ein Orchideenfach wirkt, um einen Vergleich mit Studienrichtungen zu ziehen. Aber auch die Kultur ist systemrelevant, und zwar ganz besonders stark. Abgesehen davon, dass es für Menschen wichtig ist, sich auch mit anderen Dingen zu befassen als mit dem Arbeitsalltag, sondern auch, weil es viele betroffen hat, die in diesem Bereich tätig sind; auch die vielen, die nicht auf der Bühne stehen. Mich hat die Diskussion ein bisschen hellhörig gemacht, wie Wertigkeiten verteilt werden. Auch der Tonfall in vielen Foren war sehr schwer zu ertragen.

Aber wurde die Kultur auch von der Regierung als weniger wichtig betrachtet oder war das eine Zuschreibung?

Im ersten Moment war das tatsächlich nicht das wichtigste Thema. Aber im zweiten Moment gab es einen Aufschrei, und der war schon wichtig. Ich bin mir ganz sicher: Wenn man sich nicht meldet, ist die Wahrnehmung, dass eh alles gut ist. Deshalb ist es wichtig, laut zu sagen, was los ist. Wie man das macht, welche Formen, welchen Tonfall man wählt, steht auf einem anderen Blatt. Es hängen jedenfalls sehr, sehr viele Freiberufler, die quasi von der Hand in den Mund leben, am Kulturbereich, vom Kostüm bis zur Licht- und Tontechnik. Das war schon interessant zu sehen, wie wenig das teilweise wahrgenommen wird, was Kultur ausmacht und wen es da aller braucht, um eine Show auf die Bühne zu stellen oder ein Konzert durchzuführen. Ich glaube, es wird noch länger dauern, bis das bei allen ankommt, dass die Kultur ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, unseres Lebens ist.

Ist Corona kabarettistisch ein dankbares Thema oder ist es zu schlimm, um Gags darüber zu machen?

Ich glaube nicht, dass es dezidierte Corona-Programme braucht. Aber ich denke einmal, dass alles, was jetzt passiert, durch diesen Filter betrachtet wird. Es ist auch wichtig, das reinzunehmen. Aber ich möchte mich nicht zu sehr draufsetzen. Ich kann mir vorstellen, dass die Leute schön langsam die Nase voll davon haben und nicht im Kabarett auch noch damit konfrontiert werden wollen. Aber es ist ein so starker Einschnitt, dass wir uns dem nicht ganz entziehen können. Und es ist auch notwendig, sich das Ganze ein bisschen von der Seele zu lachen.

Sind unter Künstlern Schutzmasken auf der Bühne ein Thema?

Man kann eine Nummer daraus machen, aber das ist dann nach fünf Minuten nicht mehr lustig.

Sie sind vor drei Wochen wieder aufgetreten und haben demnächst auch ein paar Termine. Mit welchem Gefühl stehen Sie da auf der Bühne?

Zuletzt war es Open Air, das ist noch einmal etwas anderes als Indoor-Bühnen, wo ich sonst meistens spiele. Das war eine besondere Herausforderung, weil da die räumliche Distanz gewahrt wurde und das Publikum sehr weit weg war. Ich sehe das fast als eigene Sparte, weil du da anders um die Aufmerksamkeit buhlen musst. Weil viel rundherum passiert. Da ist eine andere Energie da. Es ist eine andere Haltung auf der Bühne. Davor habe ich großen Respekt, weil es nicht so schnell eine "g’mahte Wies’n" ist.

Sie spielen also lieber drinnen?

Tendenziell ja. Es ist leichter, ich kann es besser.

Auch, weil Ihr Impro-Kabarett mit Publikumsbeteiligung leichter funktioniert? Geht das überhaupt bei einer großen Zuschauermenge gut?

Wenn das Publikum bereit ist, sich darauf einzulassen, dann ja. Meine Haltung ist ja immer, dass ich gar nichts Geschriebenes mache. Meine Anfangserzählung ist gleich, weil ich sie brauche, um mein Terrain ein bisschen abzustecken, aber auch die erzähle ich immer ein bisschen anders. Und alles weitere kommt stark aufs Publikum an, es nimmt einen sehr aktiven Part ein. Ich muss ich mich auf mein Publikum einstellen - aber auch umgekehrt. Der ganze Abend lebt vom Input des Publikums.

Da sind Zuschauer, die sich nur berieseln lassen wollen, also eher kontraproduktiv.

Ich kann zu gewissen Themen hingehen, wo es für mich sicher ist, die ich schon sehr gut abgehandelt habe. Aber es macht mir einfach nicht so einen Spaß. Es ist viel schöner, wenn das Publikum aktiv dabei ist.

Da könnte man launig behaupten, dass das etwas für Leute ist, die zu faul zum Textlernen sind.

Das könnte man natürlich (lacht).

Ist da was dran?

Es ist eine absolute Typfrage. Für mich wäre es absolut nicht erfüllend, einen Text, den ich davor geschrieben habe, zwei Stunden lang fünfhundertmal vorzutragen. Da ist für mich kein Reiz dabei. Das heißt jetzt nicht, dass ich selbst als Publikum das nicht gerne sehe - ich liebe das sogar! Ich finde das wunderbar, wenn Kolleginnen und Kollegen mit ihrem Text arbeiten und da immer wieder etwas Neues entdecken. Aber für mich ist das einfach nichts. Ich komme aus der Improvisation, das ist eine eigene Kunstform, eine eigene Gedankenwelt, in die man sich hineinbegibt. Und es braucht da einfach andere Fertigkeiten, um das auf die Bühne zu stellen. Das hat nichts mit Textlernfaulheit zu tun, es ist einfach ein anderer Sport.

In Ihrem aktuellen Programm treten Sie als Kaiserin von Österreich auf. Da denken die meisten wohl sofort an Maria Theresia oder an Sisi. Welche der beiden ist Ihnen da näher?

Selbstverständlich Sisi, ich sehe ja praktisch so aus wie sie (lacht).

Maria Theresia hat dafür eine wichtige Bildungsreform durchgesetzt. Wie würde die Ihre aussehen?

Nach 20 Jahren im Schuldienst und der Erkenntnis, dass das österreichische Bildungssystem nicht allen in Österreich lebenden Kindern gleichwertige Chancen gewährt, ist meine Bildungsreform 2020 so revolutionär wie klar formuliert: Im Zentrum der gemeinsamen Anstrengungen stehen das Wohl und die bestmögliche Förderung aller Kinder.

Sie waren 20 Jahre Lehrerin. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Da hat sich extrem viel gewandelt. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, die immer neue Herausforderungen bringt, auch für Kinder beziehungsweise Jugendliche und ihre Familien. Allein die Sozialen Medien waren für mich ein großes Fragezeichen, wie man damit als Institution Schule und als Eltern umgehen soll; wie man als Gesellschaft sich überlegen soll, wie wir mit Sozialen Medien umgehen sollen und was wir unseren Kindern zumuten. Diese vermeintliche Freiheit, dass jeder ein eigenes Smartphone hat, ist für mich ein Trugschluss. Ich bin da sehr konservativ, weil ich sehe, dass es für Kinder oft sehr schwer ist, sich die Bildschirmzeit richtig einzuteilen - das können ja Erwachsene teilweise auch nicht. Die größte Herausforderung sehe ich darin, das so in den Unterricht hineinzunehmen, dass es eine Bereicherung und keine Belastung ist.

Bereuen Sie aktuell, dass Sie die Schule verlassen haben? Oder sind Sie froh, das hinter sich gelassen zu haben?

Das ist eine interessante Frage, die ich mir selbst öfters stelle, wenn mir das Kabarett anstrengend erscheint. Wenn ich es mir tatsächlich überlege, dann bin ich schon froh, dass ich jetzt da bin, wo ich bin. Und trotzdem habe ich meinen Beruf als Lehrerin geliebt, aber es war einfach zu viel Arbeitsbelastung. Die Arbeit in der Klasse hat mir immer unglaublich großen Spaß gemacht, auch wenn es Momente gab, wo ich am liebsten davongelaufen wäre oder den Kopf in den Sand gesteckt hätte. Es war sehr schön, aber auch sehr anstrengend, und ich freue mich, jetzt nur im Humorfach tätig zu sein. Aber sag niemals nie. Ich kann mir auch gut vorstellen, als Kaiserin von Österreich eine Schule oder die gesamte Bildungsdirektion zu übernehmen, so größenwahnsinnig bin ich (lacht).