Eine Bühne, ein Licht, ein schwarzes Tuch als Hintergrund, ein alter Holzsessel. Sieht man das, und sieht man noch keinen Künstler, dann weiß man, auch ohne den Künstler zu sehen, dass es sich hier um Kabarett handelt, um Kleinkunst, die mitunter ganz groß sein kann, in Österreich aber trotzdem ohne Förderungen auskommen muss.

Hosea Ratschiller, 38 Jahre alt, Kärntner mit biblischem Vornamen, in Wien eine erfolgreiche, auch ein bisschen verkrachte Existenz lebend, hat im Theater in der Josefstadt genau jene Art Kleinkunstbühne aufgebaut, die wir schon seit Josef Haders Beginn im Kabarett Niedermair kennen. Minimalistisch bis zum Gehtnichtmehr, maximal auf die Person und ihr Programm ausgerichtet. Ratschiller spielt sein Stück "Ein neuer Mensch", für das er nun den Programmpreis beim Österreichischen Kabarettpreis gewonnen hat, also jene Auszeichnung, die weniger die Bühnenperson als deren Stück ehrt. Es ist ein Literaturpreis, wenn man so will.

Ratschiller, der bis zu einem Jahr an seinen Stücken schreibt, sieht aus wie der ideale Schwiegersohn, ein Bürgerlicher, der jene legeren, aber guten Klamotten trägt, die sein Innergürtel-Publikum auch in ihren Garderoben vorfindet. Er will heute Gleicher unter Gleichen sein, denn da lässt es sich die Leute da unten leichter auf die Schippe nehmen. Was Ratschiller die ersten zehn Minuten genau nicht tut - da nimmt er sich erst einmal selbst aufs Korn.

Geboren im tiefen Süden, wo man glaubt, dass die vulgäre Schenkelklopf-Veranstaltung Villacher Fasching das Maximum an Humor darstellt, wollte Ratschiller von Pubertät an irgendwie als irgendwer auf der Bühne stehen - mit "Singen, Tanzen, Springen", wie er sagt. Den Schauspieler, damals wahrscheinlich richtig so, hat er sich nicht zugetraut, also studierte er Geschichte und Philosophie. Ende der 1990er Jahre traf er Lukas Tagwerker, heute FM4-Redakteur, der, so wie er, den Wunsch hatte, sich den Massen mit Worten und deren Dramaturgie feilzubieten. Man ging zum gerade gegründeten Anarcho-Sender Radio Orange, ging live und hatte gleich eine Sendung, die bald bei wenigen, aber aufmerksamen Leuten Kultstatus bekam. Von Bühnenarbeit war da noch lange nicht die Rede.

Tagwerker und Ratschiller, beide noch keine zwanzig, schrieben ein Theaterstück namens "Mäht sich weg" und ein Opernlibretto namens "Schock, ein Hunderennen". Man war Zentrum seiner eigenen, eigens geschaffenen Welt - geschlafen wurde nebenbei. Der damals am Anfang der Etabliertheit stehende Kabarettist Martin Puntigam riet Ratschiller, vom Platz hinter dem Mikrofon mit Mikrofon auf die Bühne zu wechseln. Ratschiller zweifelte jedoch an sich, etwas Natürliches, sein Natürliches, wie er sagt, doch der damalige Intendant der damaligen Kabarett-Leitbühne Niedermair, Andreas Fuderer, beseitigte seine Zweifel mit dem Satz: "Kabarett soll man spielen, wenn man das Gefühl hat, etwas sagen zu wollen." Und Ratschiller wollte.

Spielen bis zum Rauswurf

Vorbereitet auf die großen Bühnen hat sich Ratschiller in den Jahren vor 2009 mit dem Tingeln durch Wirtshäuser und Wettcafés. Aufgetreten ist er dort nicht selten, ohne um Erlaubnis zu fragen. Und nicht selten setzte es einen gewaltigen Rauswurf - die Schule des Lebens.

2009 dann, noch keine dreißig, mit "Liebe Krise" das erste Programm. Ratschiller, als New Talent in Town angekündigt, verkörperte darin einen toughen, gewaltig unsympathischen Medientypen, der seine Programmideen einem fiktiven Sender-Management vorstellt. Er spielte den Unsympathler mit derartigem Verve, dass die Leute schon vor der Pause in Scharen die Vorstellung verließen. "Ich habe das Publikum rausgespielt", sagt Ratschiller, und er habe gelernt, "dass die Leute meine Rolle als komplettes Arschloch nicht sehen wollten, weil keiner sich den Abend freinimmt, um jemanden auf einer Kleinkunstbühne zu ertragen, der ihnen keine Sekunde eine Nähe, ein Wiedererkennen bietet." Hätte Ratschiller mit Puntigam 2009 nicht auch den FM4-Ombudsmann entwickelt - ein tägliche, bis heute beliebte Witzfigur -, so wäre das Jahr der großen Ambitionen als Niederlage abgehakt worden.

Ratschiller erdachte von nun also Figuren, die das Publikum anziehen, anstatt es zu vertreiben. Er studierte die Arbeit des britischen Kabarett-Stars Ricky Gervais, dessen oft brutalen Zynismus er aber nicht in seine Arbeit aufnahm. Das ist dann doch nicht seine Art, er will leise und freundlich amüsieren. Und ja: wohl auch zum Nachdenken anregen.

In "Ein neuer Mensch", dem jetzt ausgezeichneten Programm, macht sich Ratschiller sehr schnell über die neue Bobo-Klientel lustig, in deren Leben er schlüpft, indem er einen jungen Familienvater verkörpert, der sich im gehobenen und auch affektieren Lebensstil dieses neuen Biedermeier-Bürgertums zurechtfinden muss. Es geht dabei um Brotläden, die Brot als Kunst skulpturell anpreisen, es geht um "lyrisch ausbalancierte Symphonien aus Sauerteig", es geht um "energetische Seidenpapier-Verpackungen", es geht darum, dass kein gewöhnliches Messer die Brote schneiden darf. Das Publikum in der Josefstadt erkennt sich selbst. Und lacht schallend.

Möchte Ratschiller irgendwann seinem Kollegen Hader folgen, der in seinem Alter begann, ein fürwahr ganz großartiger Schauspieler zu werden? Das könnte ihm liegen, antwortet Ratschiller, denn vor der Kamera erreicht man mit ganz wenig ganz viel. "Ideal für mich."