Wie sehr die monatelange Theaterzwangspause und die anhaltende Pandemie das Kulturleben verändern werden, lässt sich noch gar nicht richtig abschätzen. Als Theaterbesucher bemerkt man zunächst vor allem das Bemühen jeder einzelnen Bühne, kein Corona-Cluster zu bilden, nur ja kein kulturelles Ischgl zu werden, auch das Schauspielhaus Graz gibt nur personalisierte Karten aus, der Mund-Nasen-Schutz ist hier während der Vorstellung zu tragen und Schachbrettbestuhlung ist die Regel.

Intendantin Iris Laufenberg eröffnet diese von Sicherheitsvorkehrungen überschattete Spielzeit nun mit einer österreichischen Erstaufführung, die richtig gute Laune verbreitet: Thomas Köcks "dritte republik (eine vermessung)", Teil drei der Kronlandsaga, wird in der Regie von Anita Vulesica zu einer funkelnden Weltüberdruss-Gaudi. Der Stücktitel "dritte republik" ist von Jörg Haider entlehnt. In den 1990er Jahren geisterte dieser Begriff und Haiders vage Absicht, hierzulande ein rechtskonservatives Machtmonopol errichten zu wollen, als Schreckgespenst durch die Innenpolitik.

In Köcks szenischer Verdichtung ist der 2008 verunglückte FPÖ-Spitzenpolitiker nur mehr ein fernes Echo, vergnügt arbeitet sich der Dramatiker an den Themen Grenzen und Nationalismus ab: "nationen sind die wahnwitzigsten fiktionen", heißt es an einer Stelle im Text.

Das herrlich absurde Kammerspiel ist im Jahr 1918 angesiedelt, eine Landvermesserin, in Graz präzis und pointiert dargestellt von Katrija Lehmann, ist angewiesen, die Grenzen des nach dem Ersten Weltkrieg zerfallenen Habsburgerreiches neu zu vermessen. Sie landet in der tiefsten österreichischen Provinz, Bühnenbildnerin Anna Brandstätter entwirft dafür eine bizarre Mondlandschaft, die mit Holz getäfelt ist. Nach allen Regeln der Kunst verzweifelt die Landvermesserin an ihrem undurchführbaren Auftrag.

Gewitztes Panorama

Dabei trifft sie auf ein surreales Figurenarsenal: Da wäre einmal ein Kutscher ohne Kutsche, Werner Strenger wirkt mit zerrauftem Kaiser-Franz-Josephs-Bart wie ein aus der Zeit gefallener Waldschrat, weiters eine blinde Fallschirmspringerin, Evamaria Salcher stelzt wie ein schillernder Kampfpilot durch die Szenerie, schließlich irrlichtert Lukas Walcher, kostümiert wie ein pastellfarbenes Fabelwesen, durch die Groteske, gekrönt wird das bizarre Ensemble von Frieder Langenbergers überzuckertem Spiel als Kaiserin-Maria-Theresia-Lookalike. Eine Chaostruppe de luxe.

Zu den Höhepunkten der 90-minütigen Aufführungen gehören indes die Auftritte des Chors: Geplant war, dass ein 16-köpfiger Chor bestehend aus Kindern und Jugendlichen inmitten des Bühnengeschehens agiert, wegen der coronabedingten Sicherheitsauflagen wurden die Chorszenen aber vorab gefilmt. Eine Notlösung, die voll aufgeht: Die Energie des juvenilen Chors ist in Großaufnahme auf der raumfüllenden Videoleinwand ein Erlebnis. Regisseurin Vulesica versteht es, den schwierigen Chorpassagen Schärfe und Witz zu verleihen.

Ein herrlich verhuschtes Kammerspiel, ein gewitztes Panorama der Absurditäten.