Die gute Nachricht: Der Wiener Opernmotor brummt auch unter orangem Ampellicht beträchtlich, und das nicht nur auf konventionellen Bahnen. Draußen im F23 in Liesing wickelt der freie Operntrupp Sirene sieben Uraufführungen bei einem Festival ab, und die Kollegen von der Neuen Oper Wien haben im Theater Akzent soeben die Weltpremiere "Toteis" vom Stapel laufen lassen.

Nur trifft, das ist die schlechte Nachricht, nicht jede Novität ganz ins Schwarze, auch nicht die Letztgenannte von Manuela Kerer (Musik) und Martin Plattner (Text). Die beiden wollen Licht ins Seelenleben von Viktoria Savs (1899-1979) bringen: Freiwillig in Soldatenuniform, stieg sie unter Verlust des rechten Beins zur Heldin des Ersten Weltkrieg auf, ließ sich als solche auch vor den Nazipropagandakarren spannen.

- © Santambrogio
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Heftigkeitsposen

Das heutige Schachteldenken hat seine Not mit ihr: Savs, Lichtgestalt weiblicher Selbstermächtigung? Oder doch Möchtegern-Gewaltmann? Um Differenzierung bemüht, stellt "Toteis" die Figur zwischen die Fronten und damit in eine Konfliktzone: Savs Machosprüche geraten bei einem Veteranentreffen zum Boomerang, das geschenkte Metallbein riecht nach Hohn. Nur leider: Solche Demütigungen werden hier nicht mit feiner Klinge seziert; die 90 Minuten reihen in loser Folge Intensitätsposen aneinander. Befeuert von stilkundig gesetzten alten Mitteln Neuer Musik (Bläsergestöber, Sirr-, Wetzeffekte) entstoßen sich Sänger Beuschelreißertöne, während die Regie (Mirella Weingarten) ein Pandämonium aus Bierseligkeit und Kriegselend auf die Blutgletscherbühne stellt. Immerhin: Beifall für die Selbstaufopferung von Isabel Seebacher (Viktoria, Bild), Alexander Kaimbacher (Peter), Verena Gunz (Karola) und das engagierte amadeus ensemble-Wien unter Walter Kobéra.