Windschief, "Skew-Whiff", nennt das Choreografenduo Sol León und Paul Lightfoot sein humoriges modernes Ballett, das am Sonntag, 20. September, im Rahmen des dreiteiligen Abends "Hollands Meister" an der Volksoper mit dem Wiener Staatsballett Premiere hat. Gemeinsam mit Werken von Hans van Manen und Jiri Kylián ist es eine Hommage an das Nederlands Dans Theater (NDT), das seit 1959 Tanzgeschichte schreibt. Im Interview spricht Paul Lightfoot über sich, als er sich wie Jekyll and Hyde fühlte, über den Butterfly-Effekt, den er als Direktor erfuhr, und über die Zukunft des Balletts.

"Wiener Zeitung": Sie kreieren bereits seit 1989 gemeinsam mit Sol Léon. Wie teilen Sie sich die Arbeit?

Paul Lightfoot: Das will jeder wissen. (lacht) Unsere private Beziehung hat nicht so lange gehalten. Vereinfacht erklärt, arbeiten wir in einem stetigen Dialog, in dem wir beide viele Ideen auf den Tisch bringen und viel darüber diskutieren. Wir planen zwar, aber diese Pläne werden immer modifiziert. Wir kreieren im Moment, beobachten, was in unseren Leben und in uns vor sich geht. Der kreative Prozess verläuft unterschiedlich, da gibt es keine allgemeine Vorgehensweise, keine Regeln. Und das ist das Wichtigste. Die einzige Regel, die wir haben, ist, es soll sich nicht nach einem Rezept anfühlen, es soll jedes Mal wie eine neue Kocherfahrung sein. Aber es ist nicht immer leicht, denn wir sind beide starke Persönlichkeiten.

Choreograf Paul Lightfoot legte erst kürzlich sein Amt als künstlerischer Direktor des Nederlands Dans Theater nieder. - © Staatsballett/Rezvani
Choreograf Paul Lightfoot legte erst kürzlich sein Amt als künstlerischer Direktor des Nederlands Dans Theater nieder. - © Staatsballett/Rezvani

Es ist auch durchaus üblich, dass Choreografen alleine arbeiten.

Ja, das ist man gewohnt: Komponisten, Autoren, Maler . . . Doch das Choreografieren ist eigentlich keine isolierte Kunstform. Ein Schriftsteller kann sich zehn Jahre lang in einem Raum einsperren und kommt dann mit einer neuen Novelle wieder heraus. Man ist im Tanz mit Menschen konfrontiert, also ist es mehr eine kinetische Kreativität.

Mussten Sie schon jemals um Inspiration ringen?

Normalerweise nicht, denn ich habe zu viele Ideen, die in meinem Kopf kreisen. Ich war die letzten zehn Jahre der künstlerische Direktor von NDT und habe erst kürzlich dieses Amt niedergelegt. Ich habe mich als Choreograf, der auch künstlerischer Direktor ist, wie ein zweiköpfiges Monster gefühlt, wie Jekyll and Hyde. In dieser Position musste ich sehr mit mir selbst kämpfen, denn als Choreograf ist man kreativ, und diese Kreativität muss gefüttert werden. Als Direktor ist es mein Job zu beschützen, unterstützen und zu kontrollieren. Diese zwei Positionen passen für mich nicht zueinander. Ich hatte das Gefühl, dass der Choreograf in mir vom Direktor gefressen werden würde. Wie dieses Phänomen, wenn ein Zwilling im Mutterbauch den anderen absorbiert und letztlich ein Kind auf die Welt kommt.

Welche war die größte Lehre, die Sie in Ihrer Position als künstlerischer Direktor erfahren haben?

Tanzschaffende Sol León arbeitet seit 1989 mit Paul Lightfoot zusammen. - © Staatsballett/Rezvani
Tanzschaffende Sol León arbeitet seit 1989 mit Paul Lightfoot zusammen. - © Staatsballett/Rezvani

Dass die kleinste Sache riesige Konsequenz mit sich ziehen kann - wie der Butterfly-Effekt. Ich bin prinzipiell eine etwas naive Person, eine Eigenschaft, die einerseits eine Schwäche und andererseits auch eine Stärke ist. Meine Naivität hat mir geholfen, Dinge anzugehen, ohne dass mir bewusst war, was ich da tat. Mit der Zeit verstand ich es, dass jede Person in einem Kontext zu den Entscheidungen stand.

Im Rahmen von "Hollands Meister" wird Ihr Stück "Skew-Whiff" gezeigt. Was erwartet die Zuseher?

Erwarte das Unerwartete. Wenn man sagt, was zu erwarten ist, dann eliminiert man Sichtweisen. Mit Sicherheit haben mich die anderen beiden Stücke des Abends zu "Skew-Whiff inspiriert. Es handelt von einer Sprache, einer total absurden und unverständlichen.

Wie würden Sie Ihre choreografische Handschrift beschreiben?

Diese hat sich über die Zeit verändert, hat einige Wechsel erlebt. "Skew-Whiff" ist in einer Zeit entstanden, als uns das erste Mal bewusst wurde, dass wir nun einen individuellen Stil gefunden hatten. Generell lieben wir geerdete Bewegungen. In "Skew-Whiff" gibt es Szenen, die eine versierte Technik verlangen, die so verändert wird, dass sie - hoffentlich - organisch unorganisch wirkt.

Inwiefern hat das NDT die Welt des Tanzes beeinflusst?

Viele klassische Kompagnien haben Van Manen, Kilian oder auch meine Stücke in ihrem Repertoire. Auch im NDT gibt es täglich ein striktes klassisches Training, denn ich glaube an die klassische Technik. Wenn man diese Stunde beendet hat, kann man mit dieser Basis danach tun, was man will. Das ist wie beim Malen: In abstrakter, wilder Malerei sieht man Technik - wenn der Künstler gut ist. Es gibt viele moderne Tanzkompagnien, die einen anderen Weg eingeschlagen haben, und ich bewundere sie dafür. Aber sie haben nicht die Stärke und Schönheit des NDT. Tanz ist wie Sprache: Du kannst sie nicht sprechen, wenn du nicht die Grammatik kennst. Und hier hat NDT eine Brücke erschaffen, nämlich jene zwischen klassischen und modernen Tanz.

Ist das die Zukunft des Balletts? Gibt es noch Raum für Traditionelles?

Es muss Raum für jeden Tanz geben. Ich wollte nicht beim klassischen Tanz bleiben. Deshalb verließ ich auch das Royal Ballet. Ich fühlte mich als Künstler nicht zufrieden, etwas zu replizieren, was jemand anderer gemacht hat. Heute kann ich ein Ballett, wenn es nicht auf hohem Niveau getanzt wird, nicht ertragen. Es muss wirklich auf höchstem Niveau sein, um mich zu begeistern.

Was ist Ihr größter Tanzwunsch?

(lacht) Ich hätte gerne meinen Körper zurück, die Hüften werden steif. Für den Tanz? Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Allzu viele lebenswichtige Bedürfnisse sind durch Covid-19 erstickt worden, die physische Präsenz wurde unterbunden. Tanz ist eine physische Kunstart und leidet somit enorm. Ich habe das bizarre Gefühl, dass etwas Großartiges entstehen wird - wie ein Phönix aus der Asche. Es wird eine Form von Wiedergeburt unserer kostbaren Kunstform geben, und sie wird nicht dort passieren, wo und wann wir es erwarten.