Wenn ein Direktor die Bühne noch vor Spielbeginn betritt, hat das meist nichts Gutes zu bedeuten. Am Mittwoch ausnahmsweise doch: Roland Geyer, Hausherr des Theaters an der Wien, zeigte sich "überglücklich" über die Gelegenheit zum Saison-Start und empfahl seinen Premierengästen, die Masken während der kommenden zwei pausenlosen Stunden aufzubehalten. Nachsatz: Die Zeit würde ohnehin schnell verrinnen.

Stimmt auch für die gebotene Rarität: "Zazà" (über die Aussprache herrscht Uneinigkeit auf der Bühne) enthält zwar keine Arie, die sich schnurstracks ins Gedächtnis bohrt. Die Oper von Ruggero Leoncavallo aus dem Jahr 1900 ist aber ein wahrer Tempobolzer, und das vor allem im ersten der vier Akte: Alles dreht und bewegt sich in dieser Musik, schildert das Backstage-Treiben eines Theaters und macht dabei von der Collage-Technik ebenso Gebrauch wie Puccinis "Tosca" aus dem gleichen Jahr: Immer wieder wird das Ohr gleichzeitig mit einem musikalischen Vorder- und Hintergrund bombardiert, bis sich das Liebespaar Zazà und Milio erstmals in den Armen liegt.

Zum Heulen

Für die Handlung hat Leoncavallo auf ein eigenes Erfolgsrezept zurückgegriffen: Wie in den "Pagliacci" (1892) bricht sich auch hier eine Tragödie im Künstlermilieu Bahn. Anders als im One-Hit-Wonder des Italieners stirbt hier aber keiner für das große Gefühl; die Geschichte lässt weniger an eine Oper denken als an einen tragischen Liebesfilm aus dem Umfeld von Éric Rohmer: Bühnenliebling Zazà entschwebt mit dem Geschäftsmann Milio in den siebenten Liebeshimmel; eine Offenbarung des abgehängte Cascart holt sie daraus herab: Milio habe schon eine Freundin. Es ist dies nur ein Zipfel der schockierenden Wahrheit, wie Zazàs Nachschau beweist: In Milios Domizil haust nebst einer Gattin eine Klavier spielende Tochter. Auftritt der Psychologie: Zazà ist vaterlos aufgewachsen, die einsame Mutter verfiel der Flasche. Soll sie eine ähnliche Tragödie auslösen?

Christof Loy inszeniert dies im Rahmen zeitloser Dekors so, wie es sich für eine Rarität gehört: geradlinig und ohne aufgesetzten Schnickschnack. Dabei wahrt er seinen Ruf als Meister der psychologischen Personenführung und erspart den Hauptfiguren eine platte Schwarzweiß-Zeichnung. So mackerhaft der doppelgleisige Milio (Nikolai Schukoff) hier auch aussieht mit seinem Stoppelbart, der Gelfrisur und den ausladenden Gesten, scheint er doch ein ehrlicher Sklave seiner Leidenschaften zu sein. Dass er Zazà im herzzerreißenden Finale eine "Hure" schimpft, wirkt eher seiner Unreife als einer bourgeoisen Boshaftigkeit geschuldet. Spätestens an diesem Punkt entfachen Schukoff und Svetlana Aksenova als rührendes Vis-à-vis ein Körpertheater des Küssens, Fortstoßens und verzweifelten Noch-einmal-Festklammerns. Ein Adieu zum Heulen.

Schade nur, dass die Stimmen hinter diesen Schauwerten zurückbleiben: Leoncavallos Unglückspaar entringt sich hier zwar Töne von sengender Leidenschaft, doch mehr als einmal übersteuert vor allem Schukoffs Stimme in diesem Feuer. Christopher Maltman, ein sensibler Cascart unter dem Panzer des Showman, lässt seinen Wuchtbariton dazu sämig schwingen. Das RSO Wien glänzt ebenfalls nicht durch höchste Präzision, arbeitet sich mit Dirigent Stefan Soltész aber schwungvoll durch die Partitur. Beifall für einen vor allem sehenswerten Abend.