Thomas Bernhard hat noch einen Stachel", ist sich Claus Peymann im Programmheft sicher. Noch immer ist der Regisseur wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass der Dramatiker "nicht als Süßspeise konsumiert wird". Deshalb wohl wacht Bernhard auch mit seinem Konterfei über dem Bühnengeschehen (Bühne: Achim Freyer). Und weil sein Lächeln gar nicht so sardonisch ist, wie man das bräuchte, wird es mit rotglühenden LED-Augen unterstützt. Das ist in aller intendierten Bosheit auch reichlich kitschig - und passt deshalb auch ganz gut zur Inszenierung von "Der deutsche Mittagstisch" im Theater in der Josefstadt, die am Donnerstag Premiere hatte.

Sieben Dramolette stehen auf dem Programm, in allen geht es um den unausrottbaren Nazi im Herzen, nicht alle sind sie gleich gut gealtert. Im ersten, "A Doda", finden zwei ältere Frauen (forsch: Ulli Maier, wohlig gruselnd: Lore Stefanek) einen vermeintlichen Toten ("in Pockpapier!"), der sich in eine hakenkreuzprangende Schlusspointe verwandelt. Im zweiten, "Match", schaut ein Polizist (Robert Joseph Bartl) wohlverdienten Feierabend-Fußball, während seine Frau (Sandra Cervik stelzt sich durch Kunstdialekt) sich so lange aufganslt, bis sie Demonstranten mit Spontanerschießung droht - was sie dann so richtig scharf macht. In einem Jahr, in dem die "Black Lives Matter"-Proteste eine der prägendsten Bewegungen wurde, könnte dieses Kurzstück, das die brutale Beiläufigkeit der Unverhältnismäßigkeit so prägnant präsentiert, Aktualität haben, allein es will sich kein Gefühl des Zeitgemäßen einstellen.

War das schön in Buchenwald! Bernhardsche Nazi-Tischgesellschaft beim Feiern in der Josefstadt. - © Philine Hofmann
War das schön in Buchenwald! Bernhardsche Nazi-Tischgesellschaft beim Feiern in der Josefstadt. - © Philine Hofmann

Anders bei "Maiandacht": Zwei Frauen in Dirndl, mit Blumenbusen (Kostüme Margit Koppendorfer) und Rosenkranz bewaffnet, reden sich in eine Heuchelei-Rage, die man so oder ähnlich jederzeit hören kann - im echten Leben oder auf Facebook. Es geht um Tod und Neid und am Ende müssten alle Türken vergast werden, weil die so gefährlich sind. Immerhin fahren die einen tot, wenn man ganz arglos im Weg steht auf der Straße. Traute Hoess spielt die Nachbarin mit den radikalen Ansichten wie eine Resi Berghammer aus dem "Bullen von Tölz", die sich in einen dieser subtilen Festival-Horrorfilme verirrt hat - ein finsteres Vergnügen.
Finster geht es auch in "Freispruch" zu, eine Art Signature-Bernhard-Stück, das Peymann auch in wiedererkennbarem Stil inszeniert: Am Tisch sitzen lauter Kriegsverbrecher, die sich rühmen, davongekommen zu sein mit dem Mord an Tausenden. Kriegsgräuel und Schlagobers-Ekstase wechseln sich ab und dazwischen tschirpt der Untergang des Schiffs "Tirpitz" als lautmalerische Pointe hinein. Die Tischgesellschaft ist weiß wie aus dem Geisterreich, Lore Stepanek besticht als getreue Nazi-Braut, die sich so gern an ihre Hochzeit in Buchenwald erinnert. Ganz so, als ob dort nichts anderes passiert wäre. Entsprechend kalt über den Rücken darf es einem fahren, wenn die Gruppe erst verhalten, dann im Brustton das Wessel-Lied schmettert.

Stimmenfang in der Gülle

Dagegen fällt "Eis" etwas ab: Zwei Kriegsveteranen im Strandkorb, denen der Eismann (Raphael von Bargen) zum Verhängnis wird. Der kommt übrigens durch den Publikumsraum mit Mund-Nasen-Schutz.

Nach der Pause folgt noch "Alles oder nichts", eine bizarre Gameshow mit der durchaus zeitlosen Metapher, dass sich Politiker auch in stinkende Jauche begeben, um Wählerstimmen zu ergattern. Hier bleiben Bernhard Schir als ondulierter Moderator mit eleganter Hinterfotzigkeit und Raphael von Bargen als debil grinsender Bundeskanzler in Erinnerung.

Als grollenden Abschluss lädt Peymann an den titelgebenden "Deutschen Mittagstisch", Michael König und Traute Hoess servieren ihrer schlumpfigen Familie aus einem gigantischen Topf Suppe mit Nazi statt Nudeln und die Mutter muss dann sehen, was sie davon hat. Das hat in aller Kürze poetische Kraft, die aber nicht in jeder der Miniaturen dasselbe Ausmaß hat. Oft lugt die Bösartigkeit nur zaghaft hinter der Banalität vor, es gelingt keine merkbare Aktualisierung und so passiert mitunter, dass die Zumutung zu einer Harmlosigkeit wird. Bernhard ist zwar noch nicht direkt eine Süßspeise, aber sein Chili hat Peymann ihm hier auch nicht nachgewürzt.