Vorsichtig hat Ballettdirektor Martin Schläpfer den Beginn der neuen Ballettsaison programmiert und bietet zum Einstieg einen klug zusammengestellten dreiteiligen Abend. Meisterchoreografen plus eine Meisterchoreografin sind beteiligt, sie alle haben das Nederlands Dance Theater (NDT) geprägt und sind von diesem geprägt worden. Die Väter des neoklassischen Tanzes, Hans van Manen und Jiří Kylián, sowie der künstlerische Sohn und die Tochter, Paul Lightfoot und Sol Léon, sind die Schöpfer des Abends.

Lightfoot und Léon haben ihr bezauberndes, drolliges Stück, "Skew-Whiff", mit "Schräglage" zu übersetzen, selbst aufgefrischt und konnten sich auch persönlich für die trotz aller Beschränkungen lautstark geäußerte Begeisterung bedanken.

Wackelnde Hinterteile

Denys Cherevychko (vorne) und Davide Dato in "Skew-Whiff". - © Wiener Staatsballett
Denys Cherevychko (vorne) und Davide Dato in "Skew-Whiff". - © Wiener Staatsballett

Es ist ein richtiges Vergnügen, den drei Tänzern und dem später hinzukommenden Tänzerinnen zuzusehen, wie sie die Muskeln schwellen lassen, wie sie verrückt zappeln und den Kopf von einer Seite zur anderen werfen, dann rutschend und hochschnellend die Bühne queren, Purzelbäume schlagen und sich auch dezent in den Schritt greifen. Und dann kommt die Tänzerin, wie die Männer wackelt sie mit dem Hinterteil, biegt sich in alle Richtungen und schafft es, zwischen den Beinen des einen den anderen zu küssen. Dass diese Explosion an Kraft und Akrobatik den Tänzern Schritte und Bewegungen abverlangt, die sie nicht gewohnt sind, vergisst man schnell, so lustvoll springen und purzeln Davide Dato, Denys Cherevychko und Masayu Kimoto. Die zierliche Halbsolistin Fiona McGee tanzt, wie Davide Dato, die Rolle zum ersten Mal und kann als Solistin dieses, für die Ausführenden anspruchsvollen Stückes ihre Biegsamkeit und Balance zeigen. Getanzt und gekaspert wird zur rasanten Ouvertüre der Rossini-Oper "Die diebische Elster". Kaum zu glauben, dass die Choreografie bereits 24 Jahre alt ist. Pures Vergnügen ohne einen Anflug von Staub.

Reinen Tanz bietet Hans van Manen mit seinem federleichten, eleganten "Adagio Hammerklavier", dem einzigen Stück mit Live-Musik. Die Pianistin Shino Takizawa sitzt einsam im Orchestergraben und hält sich genau an Christoph Eschenbachs Vorgabe, der für das Adagio aus Beethovens "Großer Sonate für das Hammerklavier" 24 Minuten gebraucht hat. Zum Vergleich: Maurizio Pollini hat es in 14 Minuten gespielt. Van Manen will so, zelebriert er doch mit der 1973 kreierten Choreografie, die Langsamkeit. Ein Ballett in Slowmotion: Drei Paare, drei Geschichten - van Manen will nur Tanz choreografieren, doch wenn Mann und Frau gemeinsam tanzen, einander in die Augen schauen, mit den anderen Paaren Kontakt aufnehmen, sich einander zu- und auch wieder abwenden, sind Geschichten, Beziehungsgeschichten unvermeidbar. Getanzt mit gestreckten Gliedmaßen und wunderschönen Hebungen, die gar nicht enden, weil der Partner die Tänzerin von der Bühne trägt. Wird er sie wieder herunterlassen, sanft und im richtigen Tempo? Die Ersten Solotänzerinnen Olga Esina, Ketevan Papava und Liudmila Konovalova schweben im hellblauen Tüll und schmiegen sich in die Arme der Männer, Robert Gabdullin, Roman Lazik und Andrey Teterin, die in weißen Hosen, mit nacktem Oberkörper stolze Männlichkeit zeigen. Gabdullin (Erster Solotänzer) und Halbsolist Teterin zeigen als Debütanten in der Rolle keinerlei Nervosität und fügen sich nahtlos in das Ensemble ein.

Nina Poláková und Masayu Kimoto in "Symphony of Psalms". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Nina Poláková und Masayu Kimoto in "Symphony of Psalms". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Sakraler Hauch

Zum Abschluss erhebt Jiří Kylián mit seinem 1978 für das noch recht junge NDT geschaffenen Ballett zu Igor Strawinskis Chorwerk "Symphonie de Psaumes" die Herzen. Halbsolistin Alexandra Inculet, vom Ballett am Rhein nach Wien übersiedelt, tanzt zum ersten Mal mit dem Staatsballett. Kyliáns "Psalmensymphonie" haben die meisten Gäste im Publikum noch im Gedächtnis, die letzte Aufführung war vor einem Jahr, und wie viele Choreografien wird auch dieses Stück mit jeder Aufführung geschmeidiger und konzentrierter, der sakrale Hauch, verstärkt durch die roten Teppiche an der hinteren Wand (Bühne: William Katz) und die an Gebete erinnernden Gesten - erhobene Arme, gebeugte Köpfe, knieende Frauen - ist dem Ballett nicht zu nehmen.

Ein gelungener, fröhlich bis ernster Abend zum Einstand der neuen Ballettdirektion.