Mitte des Vorjahres einigten sich der Dirigent James Levine und sein vormaliger Arbeitgeber, die Metropolitan Opera in New York, nach einem zähen Rechtsstreit vor Gericht. Nun enthüllt die "New York Times" die Details, über die Stillschweigen vereinbart worden war: Das Opernhaus habe seinem vormaligen und langjährigen Musikdirektor 3,5 Millionen Dollar (knapp drei Millionen Euro) gezahlt – eine hohe Summe angesichts des Umstands, dass gegen Levine Vorwürfe sexuellen Missbrauchs im Raum standen.

Diese Beschuldigungen waren im Dezember 2017 erstmals durch eine Artikelserie bekannt geworden. Die Met stellte daraufhin die Zahlungen an ihren langjährigen Spiritus rector ein und begann eine dreimonatige Untersuchung, für die Anwälte mehr als 70 Personen befragten. Danach gab das Hause bekannt, dass es angesichts der Resultate unangemessen und unmöglich sei, den prominenten Musiker weiter zu beschäftigen. Es gebe glaubwürdige Beweise für "sexuell missbräuchliches und belästigendes Verhalten gegenüber verwundbaren Künstlern in den frühen Stadien ihrer Karriere"; der Dirigent wurde entlassen.

Levine – der die Vorwürfe bestreitet – ging juristisch in die Offensive, die Met antwortete mit einer Gegenklage. Als sich der Rechtsstreit in die Länge zu ziehen begann, einigten sich die Parteien auf eine Mediation. Diese führte im Vorjahr dazu, dass Levine 3,5 Millionen Dollar zugesprochen bekam – rund zwei Millionen weniger, als der heute 77-Jährige gefordert hatte, aber immer noch eine erkleckliche Summe.

Fehlende Klausel

Die "Times" begründet diese Niederlage für das Opernhaus, das derzeit massiv unter der Corona-Krise leidet, mit dem Fehlen eines gewissen Passus in Levines Kontrakt. Sein Vertrag sei im Wesentlichen vor Jahrzehnten abgeschlossen worden und beinhalte nicht eine sogenannte "moralische Klausel". Letztere sei heutzutage in der Kunstwelt verbreitet und verbiete Verhalten, das den Arbeitgeber beschäme. Ohne einen solchen Abschnitt hätte dem Opernhaus die rechtliche Basis gefehlt, um die Zahlungen an Levine zu stoppen – das Einstellen der Geldflüsse sei somit ein Vertragsbruch gewesen. (irr)