Die Wiener Festwochen wären in ihrer heutigen Gestalt ohne das Wirken von Frie Leysen nicht denkbar. Damit ist nicht ihre Kurzzeit-Schauspielleitung im Jahr 2014 gemeint – nach einem phänomenalen Start schied sie im Streit mit Intendant Markus Hinterhäuser vorzeitig aus dem Leitungsteam. Vielmehr gehörte Frie Leysen, geboren 1950 im belgischen Hassel, zu den Masterminds des zeitgenössischen internationalen Theaterschaffens.

Die Idee, über Grenzen und Genres hinweg künstlerisch zusammen zu arbeiten, propagierte sie bereits in den 1980er Jahren. Seinerzeit ein völlig neuer Gedanke. Leysen experimentierte damit in dem von ihr gegründeten Kunstzentrum deSingel in Antwerpen. 1992 rief sie das interdisziplinäre Kunstfestival in Brüssel ins Leben, über zehn Jahre führte sie das Brüsseler Experiment an, an dem zahlreiche Festivals Maß nahmen. Nächste Stationen ihrer Karriere waren das Theater der Welt in Mülheim und Essen, die Neugründung des Festivals Foreign Affairs 2012 in Berlin und 2014 Wien.

Unermüdlich war Leysen auf der Suche nach neuen künstlerischen Fährten und Gefährten: "Sie fängt dort an zu arbeiten, wo andere aufhören", sagte Dramaturg Matthias Lilienthal. "Sie guckt nicht nur Theater, sie trifft die Regisseure. Das Gespräch, der persönliche Eindruck zählt."

Frie Leysen gehörte auch zu den ersten Kuratorinnen, die sich für das Kunstschaffen außerhalb des westlichen Kontextes interessierten. "Allzu lange haben wir Europäer nach dem Muster gelebt, dass wir Kulturen, die wir nicht verstehen, schlicht ignorieren", sagte sie in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". Sie war davon überzeugt, dass Festivals im 21. Jahrhundert nicht überwiegend aus westlichen Gastspielen bestehen könnten. "Sie hat einen sehr persönlichen Geschmack und eine Vision, was Theater und Performance sein können", sagte der britische Theatermacher Tim Etchells einmal über Frie Leysen. "Und sie vertraut dieser Vision, das ist heute sehr rar."

Am Dienstag, 22. September, ist Frie Leysen im Alter von 70 Jahren gestorben.