Erst ist es ein Kampf Mensch gegen Maschine. Alfred Henrich (Roman Schmelzer) kriegt kein Geld beim Bankomaten. Die Kunden hinter ihm (total auf Distanz auf Video, gefilmt von Philine Hofmann) wissen - völlig unnützen - Rat und es fällt auch bald das böse Reizwort "Magnetstreifen". Also pilgert Henrich zu seiner Bank, der "Lieben Bank", wo er sein Geld einfordern will. Dort ist alles sehr steril (Bühne: Stephan Dietrich), aber man desinfiziert sich trotzdem die Hände. Nachdem er an der telefonischen Automatenrezeption abgeprallt ist, schafft er es doch endlich zu seiner Betreuerin in Fleisch und Blut, Frau Mag. Drobesch (Stepford-Wife-ähnlich gestylt: Martina Stilp) durchzudringen. Die sagt frivol: "Ich schiebe sie ein", ist sehr freundlich, aber was die Geldausgabe angeht wenig kooperativ. Das liegt seltsamerweise gar nicht daran, dass Alfred nicht genug Geld hätte. Es ist nur gerade "nicht verfügbar". Drobesch versucht das dem verdatterten Mann so zu erklären: Das Geld müsse gerade arbeiten, es sei sozusagen auf Dienstreise, "wahrscheinlich in Russland". Henrich möchte aber trotzdem, dass sein Geld jetzt Freizeit haben solle, die es dann bitteschön mit ihm verbringen möge.

Nichts weniger als ein Familienmitglied

Auftritt Bankdirektor Dr. Cerny (gerade nicht zu schmierig: Michael Dangl), der Henrich erklärt, dass das mit "seinem" Geld so auch nicht ganz stimmt. Sein Lohn stamme ja aus Krediten, die die "Liebe Bank" seit Jahren an seinen Arbeitgeber vergibt. Bevor es jetzt aber kompliziert wird, fragt Cerny den immer verzweifelteren Alfred, wofür er denn jetzt unbedingt Geld braucht. Das ist dem erst zu privat, aber er erzählt dann doch, dass er seiner Frau zum zehnten Hochzeitstag ein Ketterl kaufen will. Also für ihn ist es ein Collier, für Cerny und Drobesch ist es ein nebbiches Ketterl. Dass die beiden das nichts angeht, ficht sie nicht an. Cerny hat schon ein viel besseres Jubeltag-Geschenk für "die Ullimaus" in petto.

Es ist ein absurdes kleines Gedankenexperiment, das Daniel Glattauer in seinem neuen Stück "Die Liebe Geld" durchführt. Am Donnerstag erlebte es seine Uraufführung in einer Inszenierung von Folke Braband in den Kammerspielen. Cerny erklärt in seinem goldglänzenden Anzug, so macht das die Bank der Zukunft. Diese bizarre Einmischung in das Höchstprivate ist also die Folge der derzeitigen Schere zwischen "Einen-Bankbetreuer-
finden-Sie-schwerer-als-einen-Obi-Verkäufer-bitte-machen-sie-das-selbst-online" und den Werbebotschaften der Banken, die seit Jahrzehnten suggerieren, dass sie nicht weniger als ein jederzeit zur Seite stehendes Familienmitglied sind. In der Kluft dazwischen finden sich dann die Abgründe, auf die der "Abspann" des Stücks anspielt, der sich für die Unterstützung von Hypo- und Commerzialbank bedankt. Mit Roman Schmelzer als beherzt in kafkaeske Ausweglosigkeit Taumelden kann man sich gut identifizieren. Martina Stilp spielt ein Mischwesen aus Finanzberater und Kontenroboter pointensicher, Michael Dangl ist quasi die menschgewordene joviale Bankwerbung und Silvia Meisterle bringt als Gattin Ulli noch extra Naivität mit einem Schuss Aggressivität ins Finale.

Glattauer ist ein unterhaltsames Stück gelungen, das die Fallnetze der Finanzwelt elegant aufgreift, ohne zu technisch zu werden - es bleibt Platz für eine Poesie des Irrwitzes. Pandemiefreundliche pausenfreie Länge (eineinhalb Stunden) inbegriffen.