Ein Keller am Fleischmarkt. Sechs junge Sänger, die jede Opernbühne dieser Welt schmücken würden, führen eine Oper von Vivaldi & Co. auf. Dazu spielen sie auf der Metaebene ein davon handelndes Theaterstück: Das ist Krystian Ladas Produktion an der Kammeroper. Schnell entpuppt sie sich als eine der erquicklichsten Opernaufführungen des Jahres und hält diesen hohen Standard bis zu triumphalen Schlusssextett durch. Die Inszenierung einer Oper als Aufnahme derselben erinnert zwar stark an Christof Loys Salzburger "Frau Ohne Schatten", allerdings ohne deren überfrachtete Komplexität - was der Aufführung guttut und zudem eine coronabedingt pausenlose Umsetzung geistreich ermöglicht.

Eine ernste Oper Antonio Vivaldis wird in der Wiener Kammeroper zum Vergügen: Sofia Vinnik und RafałTomkiewicz. - © Herwig Prammer
Eine ernste Oper Antonio Vivaldis wird in der Wiener Kammeroper zum Vergügen: Sofia Vinnik und RafałTomkiewicz. - © Herwig Prammer

Auch, dass die Parallelität der beiden Erzählebenen nicht durchweg aufrechterhalten wird, stört nicht: Man ist bis dahin schon zu tief in der Handlung der eigentlichen Oper, verführt von den schauspielerischen Leistungen der sechs Protagonisten. Und welch ein Ensemble!

Ensemble der Spitzenklasse

Miriam Kutrowatz überzeugt mit einem späten, aber markanten Auftritt. - © Herwig Prammer
Miriam Kutrowatz überzeugt mit einem späten, aber markanten Auftritt. - © Herwig Prammer

Rafał Tomkiewicz als wunderbar-grusiger Brutalo-Psychopath spielt säbelschwingend seine Macht- und Mordfantasien aus und singt kraftvoll, klar und natürlich mit authentisch männlich klingender Countertenorstimme. Kristján Jóhannessons bärengroßer Bassbariton kann klangschön donnern und kommt dennoch recht agil um die Ecken all der Koloraturen, die Vivaldi dem Bajazet in die Pasticciopartitur geschrieben hat. Selbst die Sollbruchstelle vieler Barockoperbesetzungen, der Tenor, war mit Andew Morstein - gefühlvoll agierend und das Vibrato nicht überstrapazierend - als Andronico ausgenommen gut besetzt. Sofia Vinnik, mit einer attraktiven Körnung in ihrem feinen Mezzoklang, ließ als Asteria (Tochter Bajazets, Geliebte Andronics, und Tamerlanos Braut-wider-Willen) dramatisch nichts unversucht. Fast hätte Valentina Petraevas Irene - spät eintreffend, siegreich hervorgehend - die Show gestohlen: einerseits mit ihrer Gabe, nur durch ein kleines Lächeln oder Stirnrunzeln ganze Geschichten zu erzählen, andererseits mit bestechendem Schmelz im körperreichen Sopran, was in der Bravourarie "Sposa, son disprezzata" (die sich Vivaldi von Geminiano Giacomelli ausborgte) zum Glanzeinsatz kommt. Faszinierend zu guter Letzt Miriam Kutrowatz, trotz oder gerade wegen der besonders ihren Charakter (Idaspe) betreffenden Striche. Auf der Bühne als Produktionsassistenz dauerpräsent, kommt sie spät vokal zum Einsatz und betört um so überraschender mit heller, vogelgleicher Leichtigkeit. Himmlisch die Arie "Nasce rosa lusinghiera".

Charakterisierende Stile

Kurzweilig und astrein tönte es dazu vom Bach Consort Wien unter Roger Díaz-Cajamarca aus dem kleinen, tiefen Graben der Kammeroper. Dass Vivaldi "Bajazet" als Flickoper schrieb - die noblen Ottomanen um Sultan Bajazette bekamen seine venezianische Musik, die Tataren hingegen, die im neapolitanischen Stil gehaltene Musik seiner Rivalen -, gereicht dem dadurch musikalisch ungemein abwechslungsreichen Werk zum Vorteil. Zudem war Vivaldi fair und legte den Bösewichten durchweg feinste Arienexemplare seiner Kollegen in den Mund - auch wenn dadurch der geplante Seitenhieb auf die süditalienische Opernschule nach hinten losging.

In den 90er Jahren wurde die Barockoper, dank Händel und Monteverdi, wieder opernbreitentauglich. Da verwundert es, dass Vivaldi, obgleich Autor von über zwei Dutzend überlebt habender Opern und sonst nicht an Popularität mangelnd, 30 Jahre hinterherhinkt. Was hier auf die Kammeropernbühne gehoben wurde, sollte Vivaldis Opern, über Wien hinaus, einen ordentlich Schub geben!