Es erscheint als mittelalterliche "Rechts"-Sprechung, tatsächlich wurde die Jury der Matronen in Großbritannien noch im 20. Jahrhundert eingesetzt. Das ist ein Aha-Erlebnis, das "Das Himmelszelt" von Lucy Kirkwood beschert. Am Sonntag erlebte es im Burgtheater deutschsprachige Erstaufführung. Das Stück ist angelehnt an das Kammerspiel "Die 12 Geschworenen", hat aber andere Vorzeichen. Sally Poppy ist bereits des Mordes an einem Mädchen schuldig gesprochen. Weil sie sagt, dass sie ein Kind bekommt, müssen 12 Frauen entscheiden, ob das stimmt. Denn im Falle einer Schwangerschaft würde sie nicht gehängt (und zergliedert).

Also marschieren sie - 1759, am Vorabend des Erscheinens des Halleyschen Kometen - auf zur folgenschweren Abstimmung über eine medizinische Diagnose. Auf zum Gerichtssaal, der sich in der Bühne von Stefan Hageneier reichlich metaphorisch immer wieder dreht. Zwölf archetypische Frauen, Puzzlesteine eines Geschlechts. Manchmal Klischees, manchmal differenzierter. Da gibt es die junge Hochschwangere mit der (noch?) glücklichen Ehe (Safira Robens). Die, die sich als Ehefrau vorstellt und mehr nicht über sich zu sagen weiß (Paula Kroh). Die, die 21 Kinder geboren hat (Elisabeth Augustin). Die, die ein Anführertyp ist (Sabine Haupt). Die, die ihr Fähnchen nach dem Wind dreht, weil sie sonst untergeht (Alexandra Henkel). Die, die ihre Sprache nach einem Geburtstrauma verloren hat (Stefanie Dvorak). Die Intellektuelle, die sich von ihrem Dichtermann den Vornamen amputieren ließ ("Er fand Ann ohne e eleganter", Lilith Häßle), die Schwitzende in den Wechseljahren (Dunja Sowinetz), die freche Junge (Stacyian Jackson) und die Unfruchtbare (Katharina Pichler). Sogar lesbische Liebe darf kurz aufblitzen (bei Barbara Petritschs Mrs. Cary). Und dann gibt es noch die örtliche Hebamme (Sophie von Kessel), die nicht hinnehmen will, dass nur Frauen über das Schicksal Sallys urteilen, die ihre Meinung schon vorgefasst haben.

Borniert wie Männer

Dass sie auch noch einen anderen Grund hat, sich so für die Angeklagte einzusetzen, wird sich im Lauf des Stücks zeigen, das - ganz wie ein Krimi - noch einige andere Wendungen zu bieten hat.

Nur ein Mann (Philipp Hauß) ist während der Beratungen anwesend, und er darf nicht sprechen. Man würde meinen, eine einmalige Chance für Frauenpower, aber Hebamme Lizzie verzweifelt schon bald an der undurchdringlichen Borniertheit ihrer Geschlechtsgenossinen. Solidarität ist so weit entfernt wie ein Komet, wenn nicht einmal Mitgefühl in Spuren vorhanden ist.

Frauen wird hier zwar Macht gegeben, aber wieder nur über das Leben einer Frau. Und vor allem über ihren Körper. Diese Körperlichkeit zieht sich wie ein roter Tamponfaden durch die Inszenierung von Tina Lanik. Nicht nur unterhalten sich die Geschworenen ungeniert über die Beschaffenheit ihrer Blutungen oder stellen fest, dass manche Frauen bei der Empfängnis kein Glück haben, weil sie "innen gebuttert" sind.

Körperliche Übergriffe

Marie-Louise Stockinger als Sally Poppy trägt die darstellerische Hauptlast dieses Körperschwerpunkts: Sie reißt ihr Kleid hoch, um (nicht nur) ihren Bauch zu zeigen, sie pinkelt in einen Kübel, sie masturbiert, während sie erzählt, warum sie dem Mann, der sie zur Mordkomplizin gemacht hat, gefolgt ist. Als brutalster Übergriff - und davon gibt es nicht wenige - bleibt aber in Erinnerung, wie ihre Brüste "gemolken" werden. Dass eine Objektifizierung von Frauen, zwar in anderer Form, keineswegs im 18. Jahrhundert zurückgeblieben ist, lässt erschauern. Wie auch die traurige Pointe, dass eine Entscheidung doch nicht ohne Männerhilfe (Dietmar König) getroffen wird, noch dazu mit Belehrung über den "Terror der Eierstöcke". Die wiederum für viele unbekanntes Territorium sind, heißt es doch einmal: "Wir wissen mehr über den Kometen als über die weiblichen Organe." Auch das hat sich, wie Umfragen bei Jugendlichen neuerdings wieder ergeben, nicht besonders geändert.

Stockinger arbeitet hart daran, aus Sally keine Sympathieträgerin zu machen. Sie ist rotzig und reuelos, und hat ihre Gründe dafür. Das unterscheidet dieses Stück vom Gerichtssaalkrimi. Und doch hätte mehr Orientierung auch an der Taktung dieses Genres gut getan. Etwas Straffung würde dem Abend helfen, oft wird zu viel ausgedeutscht, was sich auch durch eigenständiges Denken ergibt. Das zuzutrauen, wäre man zumindest seinen weiblichen Zusehern schuldig gewesen - bleibt man im Mindset des Stücks.