2.260 Veranstaltungen, mehr als 570.000 Besucher, gut 18 Millionen Euro Gesamtumsatz: So sah ein Kabarettjahr in Wien aus - bis heuer. Während der Bund in der Corona-Krise den Künstlern hilft, mussten die Bühnen bisher sehen, wo sie blieben. Nun aber verspricht die Stadt Wien 3 Millionen Euro als Krisenhilfe. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem Zusammenschluss von Theater am Alsergrund, CasaNova Vienna, Globe Wien, Gruam, Kulisse, Niedermair, Orpheum, Simpl und Stadtsaal zu den Vereinigten Kabarettbühnen Wien (VKBW).

"Es ist schon bezeichnend, wie schlecht es uns gehen muss, wenn Mitbewerber, die eigentlich um dieselben Kunden buhlen, sich zusammenraufen und gemeinsame Sache machen", sagt dazu Martin Reiter vom CasaNova Wien. "Das zeigt, wie hoch uns das Wasser gestanden ist." In der Vergangenheit waren die Kontakte eher lose - nun sind die Wiener Bühnen aufgrund der wirtschaftlich desaströsen Lage eng zusammengerückt, um ihre gemeinsame Position zu stärken.

Die Kulisse hat eigens neue Tische (für meist je zwei Personen) angeschafft.  - © Kulisse Wien
Die Kulisse hat eigens neue Tische (für meist je zwei Personen) angeschafft.  - © Kulisse Wien

Tischgröße je nach Buchung

Umso größer sind die Abstände im Publikum. Das passiert auf verschiedene Arten. Im CasaNova etwa wurde wie im Stadtsaal eine neue Lüftung eingebaut. An der Bar gibt es Plexiglas, bestellt werden soll künftig direkt an den Tischen, deren Größe je nach Zahl der gemeinsam gekauften Karten variiert. Eingelassen werden maximal 140 statt 250 Personen. Auch in der Kulisse gibt es jetzt unterschiedliche Tischgrößen je nach Bestellung: Nur wer zusammen bucht, sitzt auch zusammen, dafür wurden zahlreiche neue Tische gekauft. Das gleiche Konzept verfolgt auch das Vindobona, das Wolfgang Ebner runderneuert hat. Ab November gibt es dort wieder Varietés mit Musik, Artistik, Burlesque, Travestie, Comedy und eben auch Kabarett.

Der Stadtsaal trennt mittels Plexiglas. - © Stadtsaal
Der Stadtsaal trennt mittels Plexiglas. - © Stadtsaal

Auch das Orpheum hat eigens neue Tische angeschafft, die in großzügigen Abständen stehen (was zu einer Besucherreduktion von 100 Personen pro Abend führt). Auch baulich wurde einiges getan: "Wir haben einen weiteren Einlass samt Garderobe installiert und einen zusätzlichen WC-Container angemietet", berichtet Geschäftsführerin Heide Schwarzl, die das Orpheum gemeinsam mit Christoph Hauke führt. Die Besuchergruppen bei den Tischen in den Karrees sind durch Plexiglastrennwände geschützt. Und bei Bedarf kommen auch noch zusätzlich Trennwände aus Plexiglas in der Tischmitte zum Einsatz.

In der kleinen, heimeligen Gruam sind ebenfalls durchsichtige Trennwände auf den Tischen montiert. Auf Plexiglas setzt auch Andreas Fuderer im Stadtsaal, hier trennen die Scheiben die Sitzplätze in den Reihen. Das ermöglicht eine volle Auslastung und "wird sehr gut angenommen", sagt Fuderer, der einen kleinen Shitstorm hinter sich hat. Schuld war eine politisch motivierte Aktivistin, "die sich unter Berufung auf ein ärztliches Attest als von der Maskenpflicht befreit erklärt hat - aber die gilt laut unserer Hausordnung ausnahmslos für alle Besucher".

Ohne Plexiglas kommt Michael Auerniggs kleines Theater am Alsergrund aus: Er hat die ohnehin wenigen Sitzreihen noch weiter auseinandergerückt und kommt jetzt auf 32 bis 40 Sitzplätze.

Getrennte Tische im neuen Vindobona. - © Andreas Lepsi/LEPSIFOTO
Getrennte Tische im neuen Vindobona. - © Andreas Lepsi/LEPSIFOTO

Keine Pause im Globe Wien

Umgebaut haben auch Georg Hoanzl und Michael Niavarani ihr Globe Wien, das am Mittwoch - nach dem letzten Spieltag in ihrem neuen Freilufttheater im Park - wieder aufsperrt: Jede zweite Reihe wurde entfernt, zwischen den Sitzgruppen ist viel Platz, dazu gibt es je einen Tisch, der auch als Garderobe dient. Damit hat das Globe zwar nur noch ein Drittel der Kapazität (500 statt 1.500 Plätze), "aber dafür ist das Sicherheitsgefühl hoffentlich groß", sagt Hoanzl. Das Corona-Konzept sieht auch vor, dass keine Pause gemacht wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Contact Tracing, das im Kabarett aber generell kein Problem darstellt, meint CosaNova-Chef Reiter: "Wir wissen aufgrund der Buchungen genau, wer zu uns kommt." Und Schwarzl ergänzt: "Contact Tracing und Bereitstellung von Desinfektionsmittel sind ohnehin bereits Standard. Und ab nächster Woche wird unser Personal regelmäßig auf Covid getestet." Eine Sicherheitsmaßnahme, die auch andere Häuser implementiert haben.

Bitter benötigte Krisenhilfe

Wie bitter die Bühnen die Krisenhilfe der Stadt Wien benötigen, zeigte sich nun bei einem gemeinsamen Pressetermin der VKBW. Auernigg berichtete von "desaströsen ersten zwei Wochen" im September und dem Trend, "dass Besucher kurzfristig wieder absagen oder einfach nicht kommen". Hoanzl brachte das Jahr 2020 so auf den Punkt: "Alle haben gejammert, als die Geschäfte sechs Wochen lang zu waren - aber wir hatten sechs Monate geschlossen. Und wir hatten nicht nur keine Einnahmen, sondern auch noch die Vorlaufkosten der vergangenen eineinhalb Jahre, die wir nicht erlöst haben." Ohne die Unterstützung der Stadt Wien "hätten wir eigentlich aus wirtschaftlichen Gründen zusperren müssen, weil das unternehmerische Risiko zu groß gewesen wäre", meint er. "Jedem ist klar, dass es sich nicht ausgeht, wenn ein Flugzeug nur halb besetzt ist", zieht Hoanzl einen Vergleich mit der Luftfahrt. Die größte Diskrepanz sieht er in den Vorlaufzeiten: "Wir planen ein halbes Jahr und mehr voraus, aber der epidemische Zustand ist immer nur etwa zwei Wochen vorhersehbar." Seine größte Sorge ist, dass jemand krank werden könnte. "Das Wichtigste ist jetzt die Gesundheit aller Beteiligten: der Künstler, der Zuschauer und der Mitarbeiter."

Im Orpheum wurden die Tische auseinandergerückt, außerdem gibt es jetzt einen weiteren Einlass samt Garderobe und ein zusätzliches Klo. Auch Plexiglaswände schützen die Besucher. - © Orpheum Wien
Im Orpheum wurden die Tische auseinandergerückt, außerdem gibt es jetzt einen weiteren Einlass samt Garderobe und ein zusätzliches Klo. Auch Plexiglaswände schützen die Besucher. - © Orpheum Wien

Zusammenschluss wird wohl Corona überdauern

Der Zusammenschluss der VKBW "war für uns sehr wichtig, um politisch mehr Gewicht zu bekommen, gemeinsam mit der bundesweiten IG Kabarett", meint Fuderer. Für ihn ist es schön zu sehen, "wie viel Solidarität es zwischen den Häusern gibt, und wie schnell man da gemeinsam reagieren kann". Hoanzl, der die VKBW mitinitiiert hat, betont das Positive, das sich durch den Zusammenschluss bereits gezeigt hat: "Da hat es bereits einige sehr positive Entscheidungen gegeben, die auf einer extrem hohen Kollegialität beruhen." Er ist deshalb auch überzeugt, dass die VKBW Corona überleben werden.

In der Gruam setzt man ebenfalls auf Plexiglas auf den Tischen. - © Gruam/Peter Deringer
In der Gruam setzt man ebenfalls auf Plexiglas auf den Tischen. - © Gruam/Peter Deringer

Wie geht es nächstes Jahr weiter? "Da regiert das Prinzip Hoffnung", sagt Hoanzl. Das Kabarett gewinnt aus seiner Sicht gerade jetzt an Bedeutung, "weil die Menschen einmal für zwei Stunden an etwas anderes denken können". Und so wie bisher im Kabarett zum Beispiel über den Tod gelacht wurde, "wird halt jetzt über die Epidemie gelacht". Die Satire auf der Bühne sorge auch dafür, "dass die Gesellschaft nicht verhärtet".