Es gibt da so einen Spruch: "Aufgeben tut man nur einen Brief." Aber vielleicht könnte ein Brief, zumindest ein literarischer, zur finalen Einsicht führen, dass man es aufgeben kann, Novellen von Stefan Zweig auf die Bühne zu bringen. Im Theater in der Josefstadt feierte nun Christopher Hamptons Version von Zweigs "Brief einer Unbekannten", umgedichtet auf "Geheimnis einer Unbekannten", von ihm selbst inszeniert, Uraufführung. Und zeigte (wie so oft), dass der Weg von der Prosa ins Theater kein geschmeidiger ist.

In Zweigs Novelle schreibt eine Frau einem Schriftsteller einen Brief, in dem sie ihm beichtet, dass sie ihn nicht nur seit Jugendtagen anbetet, sondern auch mit ihm zusammen war, woran er sich nicht erinnert, ein Kind von ihm bekommen hat, wovon er natürlich nichts weiß, das Kind verloren hat und selbst nicht mehr leben wird, wenn der Mann den Brief gelesen hat.

Der Brief wird hier zum Monolog, den die Frau (Martina Ebm) dem Mann (Michael Dangl) persönlich "überbringt". Hampton identifiziert den Schriftsteller als Stefan Zweig selbst und bestückt ihn mit entsprechenden biografischen Details - das Stück spielt demnach in jener Zeit, in der es für Zweig als Juden zunehmend gefährlich in Wien wurde, seine Emigration stand kurz bevor. In einer Altbauwohnung hat "Stefan" also jene Frau zum Tête-à-tête - er scheint sie für eine Prostituierte zu halten. Da liegt er zwar nicht falsch, für die Frau stürzt bei der Einschätzung freilich erneut eine von vielen brüchigen Welten zusammen. Es ist ihr zweiter Besuch, aber nur sie kann sich an den ersten erinnern.

Ihre Erinnerung steht aber im Fokus, wenn sie ein drittes Mal kommt: In der Nacht zuvor ist ihr Sohn gestorben - und auch seiner, wie sich später herausstellt. Diese böse Pointe steht am Ende ihrer Lebensgeschichte - eines Lebens, das sich nur um einen unerreichbaren Mann gedreht hat.

Papierener Abend

An den Schauspielern liegt es nicht, dass dieser Theaterabend ein papierener ist: Martina Ebm legt ihr ganzes verwundetes Herz in die Darstellung der Frau, und das ist gar nicht so einfach, denn ihr ist wenig Aktion gegönnt, aber dafür viel Narration. Michael Dangl kann nichts dafür, dass er in diesem Setting zum Statisten wird. Dasselbe gilt für Michael Schönborn als sein Diener.

Die Dramatisierung von Prosa legt nahe, dass die Erzählung der Geschichte sich von der Rezitation abhebt. Das geschieht hier selten, Menschen, die sich auf Stilmöbeln sitzend etwas Schlimmes erzählen, sind noch kein packendes Theater. Regieeinfälle, wie das geisterhafte Erscheinen der jugendlichen Version der Frau oder der Einsatz der halben Bühne (Anna Fleischle) als Altbau-Gang, der für Zeitsprünge "zugeschaltet" wird, bringen nur wenig Bewegung in das statische Geschehen. Es gelingt auch nicht, der zumindest diskussionswürdigen antiquierten Opferhaltung der Frauenfigur einen zeitgemäßen Dreh zu geben. Immerhin ist das Phänomen, das man hier sieht, auch heute kein unbekanntes: Diese Frau legt sozusagen eine beachtliche Stalking-Karriere hin.

Hampton verschmilzt am Ende Zweigs Suizid-Schicksal mit dem Tod von Marianne - ihren Namen erfährt das Publikum so wie der ignorante Dichter erst am Ende. Das macht die feine Psychologisierung Zweigs, seine wichtigste Stärke, ziemlich platt.