Sarkasmus, Humor, Lippensynchronisationsspiele, verzerrte Körperbilder und Figuren, die zwischen den Welten beheimatet sind - dazu akustische Environments und Sounds: Das ist Chris Harings Welt, ein manchmal wundersames Performance-Universum. Anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums seines Künstlerkollektivs Liquid Loft, das im Rahmen von Impulstanz ab 6. Oktober im Wiener Odeon begangen wird, sprach der Wiener Performer mit der "Wiener Zeitung" über die kommende Uraufführung, den Härtefallfond sowie das Kulturbudget und wirft einen Blick zurück.

"Wiener Zeitung": Das 15-Jahr-Jubiläum von Liquid Loft wurde aufgrund von Corona auf Oktober verschoben. Wie haben Sie die letzten Monate mit all den Einschränkungen, die den Tanz besonders trafen, verbracht?

Chris Haring: Man versucht, sich zu arrangieren. Die meisten von uns mussten über Monate vom Härtefallfonds und von Künstlersozialversicherungsfonds leben. Ich war erstaunt, wie das funktioniert hat, wie schnell das alles vonstatten gegangen ist. In Revolverblättern ist es so herübergekommen, als müssten wir Künstler uns jetzt freuen über die Unterstützung, weil wir verdienen sonst eh nichts. Sehr ärgerlich.

Wie gehen Sie mit der jetzigen Situation um?

Mit Testungen. Touren ist prinzipiell schwierig. Keiner will wirklich reisen, und ich kann auch niemanden zwingen. Wenn man endlich dort ist, dann weiß man nicht, ob es stattfindet. Die Policy in den verschiedenen Ländern ist sehr unterschiedlich. Manchmal bekommt man bei Absage 100 Prozent Gage, wenn man schon unterwegs war, manchmal auch gar nichts. Man steht unter Druck.

Mit dem Konzept der "Stand Alones" haben Sie bereits 2019 gearbeitet, es eignet sich ja für die jetzige Situation.

Eigentlich hat das Virus unser Stückthema eingeholt. Wir haben schon sehr lange mit "Alleinstehern" gearbeitet und die Figuren leben sehr stark von der Distanz und in der Entfernung. Das Nebeneinander impliziert dabei ein Miteinander. Im neuen Stück "Blue Moon you saw" - nach dem alten Song - geht das Lied ja mit ".. me standing alone" weiter. Das ist die Verbindung zum im Vorjahr produzierten Stück, und die Figuren, die damals schon entwickelt wurden, prallen nun auf ein neues Szenarium und eine neue Konstellation.

"Blue Moon you saw" feiert am 6. Oktober Uraufführung im Wiener Odeon. - © Chris Haring
"Blue Moon you saw" feiert am 6. Oktober Uraufführung im Wiener Odeon. - © Chris Haring

Was hat sich seit der Gründung von Liquid Loft 2005 verändert?

Das Übliche: Man wird älter (lacht). Das ist unglaublich bereichernd, man wird ja damit auch immer mehr wert. Aber eigentlich hat sich alles verändert, obwohl viele Personen der Kompagnie noch dieselben sind. Darauf sind wir stolz. Wir arbeiten werkbezogen miteinander. Nur damit das gleich bleibt, braucht es auch viel Veränderung. Die Künstler sind sehr vielseitig auch im Musikbereich und Schauspiel aktiv. Diese Erfahrungen fließen dann in die Arbeit von Liquid Loft ein. Ich, als Choreograf, kann heute viel mehr Freiheiten zulassen. Meine Arbeit ist konzeptioneller Natur, ich füge zusammen, damit es funktioniert. Ich denke, dass der Performance-Bereich noch nimmer einer der spannendsten ist - auch im Kontext zu anderen medialen Kunstformen: Man hat so viele Möglichkeiten mit Video, akustischen Environments und Sounds zu arbeitet - oder auch ganz ohne.

Sie arbeiten mit Ihrem Künstlerkollektiv seit Anbeginn zusammen, welche Eigenschaften haben diese Performer, die für Ihre Stücke notwendig sind?

Vor allem Vielseitigkeit und Offenheit. Wir haben oft probiert, Auditionen zu machen, aber das gestaltete sich als nicht einfach. Wir arbeiten seit Langem mit Lippensynchronisation, anfänglich war das verstörend aber auch lustig, heute ist es zur Methode geworden. Wenn du jemanden aus dem Norden ein Sound-Environment aus dem Süden gibst, dann ist es einfach lustig. Und umgekehrt genauso. Auch die Genderthematik wird aufgebrochen, wenn man Stimmen und Rhythmen austauscht.

Im Zuge des Jubiläums wird auch "Posing Project B - The Art of Seduction" gezeigt. Für dieses Stück wurden Sie und Liquid Loft 2007 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ist es schon ein wenig verstaubt?

Naja, die Speaker oder die Spots, die wir benutzt haben, sind heute schon barock geworden. Wir haben erst kürzlich geprobt, und wir hatten dabei einen Riesenspass. Inhaltlich hat sich nicht viel verändert, die Selbstinszenierung hat heute technisch mehr Möglichkeiten. Es gibt dabei weniger Schutz des Einzelnen, aber posiert hat unsere Gesellschaft immer.

"Posing Project B - The Art of Seduction" wurde 2007 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. - © Chris Haring
"Posing Project B - The Art of Seduction" wurde 2007 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. - © Chris Haring

War der Goldene Löwe rückblickend ein Wendepunkt in der Karriere?

Diese Frage wurde mir sehr oft gestellt, und ich habe sie lange Zeit mit "Nein" beantwortet. Heute sehe ich es aber anders. Auch wenn der zeitgenössische Tanz in den letzten Jahrzehnten eine explosionsartige Entwicklung erlebt hat, ist er eine Randschiene im Kunstzirkus geblieben. Der Bekanntheitsgrad dieser Auszeichnung für Kino oder Architektur ist sehr hoch. Wenn man mit jemandem aus einem anderen Berufsfeld gesprochen hat, dann wusste diese Person, was ein Goldener Löwe bedeutet, und man hat sofort eine andere Stellung und einen anderen Respekt. Auch lukrierte dieser Preis mit Sicherheit neues Publikum.

Es gibt anlässlich des Jubiläums auch eine Buchpräsentation. Was kann man in "Shiny Shiny" nachlesen?

Man fühlt sich nach 15 Jahren immer noch wie ein junger Hupfer, voller Tatendrang. Ich fand beim Durchstöbern viel angesammeltes Material, auch extrem viele Fotos, die nie verwendet wurden. Diese haben wir in einem Buch zusammengetragen und mit Texten von ehemaligen Programmschreibern erweitert: Thomas Edlinger, Lorenzo De Chiffre, Stefan Grissemann, Irmela Kästner, Uwe Mattheiß und KT Zakravsky. Auch Interviews mit den Gründungsmitgliedern sind dabei.

Es gibt auch ein Platten-Release von Gründungsmitglied Andreas Berger.

Ja, Andreas Berger war von Anfang an mit uns im Proberaum, nimmt immer auf, was wir machen. Das ist sein Material, mit dem er arbeitet - er ist eigentlich ein weiterer Performer. Er hat sein Material durchstöbert und zusammengesammelt. Die Platte nennt sich "Work for Liquid Loft".

"Blue Moon" ist nicht einmal noch auf der Bühne, aber über die kommenden Projekte würde ich gerne etwas wissen.

Ich versuche, von einem Projekt zum nächsten serienmäßig zu denken. Wir haben nachgedacht über die einsamen Figuren, es gibt diesen Lockdown... Und irgendwie muss man das verarbeiten, denn ich glaube nicht, dass man sich als Künstler dem entziehen kann. Wir sind dafür da, etwas daraus zu machen - nicht politisch oder materiell, sondern emotional. Arbeitstitel ist "Stranger than Paradise", nach dem Independentfilm von Jim Jarmusch aus 1984.

Was fehlt dem Tanz heute?

Courage!

Sind die Performer zu soft geworden?

Nein, die Politik. Wenn man mit den Verantwortlichen spricht, dann sagen sie, wir Künstler müssen uns auf die Beine stellen, die Initiative muss von uns kommen. Nur den Künstlern geht die Energie aus, um ihre Kunst zu betreiben. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich über Wasser zu halten. Niemand macht das nur, um Geld zu verdienen. Es stimmt, in den 90ern haben wir lauter geschrien. Heute gehen viele weg, wir anderen schreien oft nicht mehr so laut. Aber dieses Genre gehört auch von außen geschützt, denn viele Künstler sind vielleicht frech auf der Bühne, aber alle sind sehr sensible Menschen. Es braucht mehr Respekt und Engagement seitens der Verantwortlichen, unabhängig von Parteipolitik, mit einem evaluierten Kulturbudget für die freie Szene.