Als Ray Bradbury seinen Roman "Fahrenheit 451" 1953 veröffentlichte, waren es unter anderem die Bücherverbrennungen, die lange schon vor dem Nationalsozialismus begonnen hatten und in diesen ihren historischen "Siedepunkt" gefunden hatten. 451 Grad Fahrenheit entspricht rund 233 Grad Celsius - der Selbstentzündungstemperatur von Papier. Natürlich geht es nicht um leeres Papier, obwohl auch dieses gefährlich sein kann, sondern um beschriebenes. Bei Bradbury - und bei Susanne Draxler (Regie) und Mimo Merz (Videoregie und Sound), die gemeinsam auch die Textfassung für ihre neue Produktion am Wiener TAG erarbeitet haben - geht es um Bücher. Dieselben Autoren und Titel wie vor fast 70 Jahren, dieselben "Probleme": Wer liest, ist gefährlich für "den Staat", dessen rigorose Vertretung, die Feuerwehr, schon lange keine Brände mehr löscht, sondern diese dort legt, wo es noch Sprache abseits des digital Verordneten gibt.

Draxler/Merz inszenieren Bradbury in kleinen und kleinsten Szenensequenzen, in denen Raphael Nicholas als fragil-dünnhäutiger Feuerwehrmann Montag und Michaela Kaspar als dessen tablettenvolle Ehefrau Mildred zwischen den undurchdringlich gewordenen dreiwändig-durchdröhnenden Video-Walls des sterilen Eigenwohnheims den Konflikt zwischen Ignoranz und so etwas wie Erkenntnis austragen, und bleiben dabei in ihrer unprätentiösen Bearbeitung nahe am Original. Es braucht, macht die Inszenierung deutlich, nicht viel, um der einstigen Dystopie eine aktuelle Version vorzulagern. Sie unterscheiden sich nur darin, dass die heutige ohne viel Zutun näher und realer wirkt. Keine angenehme Erkenntnis.