Was das bürgerliche Trauerspiel einst über Gesellschaft und Welt erzählen konnte, erzählt sich heute nicht mehr. Selbst die traurigen, unterschwellig-deutlich sexualisierten Spiele des Jahrhundertwende-Bürgertums können es nicht mehr. Die Sorgen von heute – ob absehbarer Ehekonflikt in der Quarantäne, vereinbartes Liebesglück in "offener Beziehung", das dank "Lockdown" sein bitteres Ende findet, Urlaubssex oder brutale Vergewaltigung: Was einst bei Lessing, Goethe, Ibsen, Strindberg oder Schnitzler funktionierte, beutelt man in den Müll einer entsicherten Welt.

Die fünf auf der Bühne des Werk X Meidling deponierten Gittercontainer, in denen sich mit der Zeit neben Bio-, Flaschen- und Dosenmüll auch der menschliche "Abfall" unserer Gesellschaft anhäuft, während die Schauspieler vor, zwischen und in ihnen in rhythmisierten Entäußerungen ihre traurigen Lieder von Glück und Elend der letzten Monate zu singen und zu tänzeln wissen, sind dafür nur eines von vielen einprägsamen und gegen Ende immer düsterer werdenden Bildern der aktuellen Produktion "Bürgerliches Trauerspiel" des Aktionstheaters. Die Mittel, mit denen Regisseur Martin Gruber arbeitet, sind die für das erfolgreiche freie Ensemble gewohnten. Doch die persönlichen Geschichten, die sich in seinem straff choreografierten System der vorgründigen wie hinterlistigen Verstrickungen über Politik, Religion, Familie, Kochen, Design, Reisen und Theater zu verlieren scheinen, sind unerbittlicher, schmerzhafter geworden. Am Ende prallen sie alle mit voller Wucht in der Gegenwart des globalen Misslingens auf. Ein herausragendes Theaterereignis zu Beginn einer unsicheren Theatersaison.