Dass es eine Frau werden sollte, pfiffen die Spatzen schon länger von den Dächern. Der Name war aber doch eine Überraschung. Lotte de Beer, niederländische Regisseurin Jahrgang 1981, wird die Volksoper Wien ab Herbst 2022 für vorerst fünf Jahre leiten. Die Frau aus Eindhoven beerbt damit den Langzeitprinzipal Robert Meyer. Dieser hatte die Volksoper, vormals profilarm, ab 2007 auf einen komödienfreudigen Kurs gebracht und ihr eine solide Auslastung beschert – und hätte seinen Vertrag nun gern um weitere fünf Jahre verlängert gesehen. Doch damit biss er auf grünes Granit bei der Staatssekretärin Andrea Mayer: Sie dankte dem Publikumsliebling für seine Verdienste, lehnte sein Ansinnen jedoch mit dem Wunsch nach Veränderung ab.

Im Juni war der Leitungsposten dann ausgeschrieben worden, eine Findungskommission sichtete 31 Bewerbungen. Schlussendlich landeten zwei Konzepte auf dem Tisch der Staatssekretärin, das Papier von Lotte de Beer erhielt den Vorzug. Am Dienstag wurde die Niederländerin öffentlich zur ersten Frau am Volksopernthron designiert. Sie werde "frischen Wind" bringen, zeigte sich Andrea Mayer vor Journalisten überzeugt und betonte, die neue Leiterin sei hierzulande keine Unbekannte mehr.

Heutige Schauwerte

Zwar lässt sich de Beers Bekanntheitsgrad in Wien beileibe noch steigern. Zumindest fünf Regie-Talentproben hat sie bundesweit aber bisher geliefert, darunter Rossinis "Moses in Ägypten" in Bregenz, "Die Perlenfischer" von Georges Bizet am Theater an der Wien und Verdis "La traviata" an der hiesigen Kammeroper. De Beer, ehemals Meisterschülerin von Regietheater-Legende Peter Konwitschny und 2015 als beste Newcomerin beim International Opera Award ausgezeichnet, bewies in Wien nicht zuletzt einen Hang zu zeitgenössischen Bildern: Ihre "Traviata"-Darsteller tippten geflissentlich auf Handys herum, und die romantischen Perlenfischer verwandelten sich in Teilnehmer einer Dschungelcamp-Satire.
Das alles nährt natürlich eine Frage: Steht der Volksoper, unter Prinzipal Robert Meyer ein Hort gediegener Schauwerte, eine ästhetische Revolution bevor, ihrer Stammklientel eine Schocktherapie? De Beer verneint dies: Sie möchte "ein neues Publikum inkludieren, ohne das bisherige zu verlieren". Statt ihren ersten Chefposten an einem Opernhaus mit der Brechstange anzutreten, will sie "die Hand ausstrecken und Brücken bauen zwischen Tradition und Innovation".

Dabei betont sie ihre Wertschätzung für das Operettenfach, eine Programmsäule der Wiener Volksoper. Die Niederländerin habe ihr Studium an der Hochschule der Künste in Amsterdam bereits mit der Regie einer Offenbachiade abgeschlossen, und sie breche auch heute gern eine Lanze für die leichte Muse. Gerade in Krisenzeiten sei an den eskapistischen Zügen des Genres nichts auszusetzen. Außerdem würden diese Stücke nicht nur berühren und unterhalten, sondern mit ihrem Spott auch auf eine Verbesserung der Gesellschaft zielen.

Pro Saison will die 39-Jährige einmal am Haus und einmal auswärts inszenieren, ihr Herz gehöre weiterhin der Regie. Die Sparten Oper, Musical und Tanz sollen ebenso weiter gepflegt werden, wobei die künftige Direktorin ein Faible für Projekte bekundet, die die Grenzen zwischen den Sparten verschwimmen lassen.

Suche nach Musikdirektor

Die nächste, selbstgestellte Aufgabe von de Beer besteht nun in der Findung eines Musikdirektors für ihr künftiges Haus. Bis wann soll jemand erkoren werden für den Posten, den Vorgänger Robert Meyer unbesetzt ließ? Angesichts der Vorlaufszeiten des Opernbetriebs am besten "gestern", sagt sie. De Beer sucht jedenfalls einen "Teamplayer" und hat auch schon einige Namen im Kopf, will aber niemanden eilfertig verpflichten, der nicht zur Mannschaft des Hauses passt.

Und was denkt sie über die Corona-Krise? In die Kristallkugel kann sie nicht sehen. Aber: "In Österreich ist es toll, dass alle der Meinung sind, dass Kunst genau jetzt wichtig ist und es dafür auch Geld geben muss. Und dafür werde ich kämpfen."