Auftritt der Automatenmenschen: Ein Mann, der sich ans Herz fasst, scheppert bedrohlich. Eine Frau, die sich verbiegt, klingt wie eine singende Säge. Und knattern da nicht Knochen bei jeder Bewegung? Wie ein menschliches Ersatzteillager wirken die acht Tänzerinnen und Tänzer, die der aus dem Burgenland stammende Choreograf Chris Haring in Einsamkeitsschleifen schickt.

"Blue Moon You Saw ..." nennt sich seine jüngste Arbeit, die im Rahmen von ImPulsTanz nun im Odeon uraufgeführt wurde. Der berühmte titelgebende Song, den unter anderem auch Elvis gesungen hat, erklingt aber gar nicht. Statt dessen singt Country-Legende Hank Williams überraschend beschwingt davon, so einsam zu sein, dass er gleich losweinen könnte. Mehrmals erklingt seine Feelgood-Rückzugshymne "I’m so lonesome I could cry". Und bietet damit auch eine Steilvorlage, um zu fragen: Ist man automatisch einsam, wenn man alleine ist? Oder kann man das Alleinsein genießen? Haring ist ohnehin Isolations-Spezialist. Covid-19 hat da wenig verändert. Seine "Stand-Alones (polyphony)", wie jene Produktion hieß, die im Vorjahr im Leopold Museum zu sehen war, füllten mit einem tragbaren Lautsprecher autonom einen ganzen Raum. In "Blue Moon You Saw..." treffen diese Einzelgänger in einem Gruppenstück aufeinander.

Ist man einsam, wenn man allein ist? - © Michael Loizenbauer
Ist man einsam, wenn man allein ist? - © Michael Loizenbauer

Aus "Stand-Alones (polyphony)" erklingt auch diesmal ein Song, der ideal in die Weite des Odeons passt: Hildegard Knef erklärt da in ihrem "Ostseelied", dass sie die "flimmernde Hitze des Südens" hasst: "Schenk mir die drohenden Farben des Nordens". Die Tänzerin Katharina Meves wirft dabei lange Schatten an die Wand. Eine poetische Szene in einer Inszenierung, der weitgehend jene Lässigkeit fehlt, die in den Songs anklingt.

Einmal mehr lässt Haring die Körper verbiegen, vor und zurück, als wäre eine Fernbedienung hängengeblieben. Es wehen Textfetzen aus Filmen, Werbungen, Gesprächen herein, die man gar nicht verstehen soll. Alles ist bedeutungsvolle Stimmung, nichts konkreter Inhalt.

Ein Referenzrahmen ist Alain Resnais‘ opulenter Nouvelle-Vague-Filmessay "Letztes Jahr in Marienbad" (1961), in dem eine Frau zwischen zwei Männern steht, die Figuren umgarnen sich, wirken dabei aber erstarrt wie Statuen. Leben sie überhaupt noch? Haring spielt Tonspuren aus dem Filmklassiker auf Französisch ein, im Sommerlicht flaniert das Ensemble traumverloren über die Bühne. Die massiven Säulen und der Stuck an der Decke des Odeons wirken dabei tatsächlich wie das Marienbad-Schloss. Schnell aber zeigt sich das Problem von Haring-Inszenierungen: Man kann viel an Theorie von außen darauf stülpen, aber aus der Szene heraus entwickelt sich relativ wenig. Alles bleibt allzu vage. Und dadurch auch völlig austauschbar. "Blue Moon You Saw..." fehlt die schöne, lockere Ambivalenz, die in den traurig-heiteren Songs anklingt. Vor allem gegen Ende wird es schrecklich pathetisch: aufgerissene Münder, Hände, die klagend in den Himmel ragen, bis alles in Schwarz versinkt.

Ein wenig wirkt der Abend selbst aus der Zeit gefallen, arbeitet sich an einem Kulturpessimismus ab (wir werden von der Sprache gesprochen!), mit dem man in Zeiten von TikTok vielleicht auch spielerischer umgehen könnte. Lip Synch, also das Bewegen der Lippen zu eingespieltem Sound, kann auch einfach nur Spaß machen, es muss nicht gleich immer von ferngesteuerter Entfremdung erzählen. Ein bisschen weniger Wucht hätte es auch getan.