Itay Tiran gehört zu den bemerkenswerten Neuzugängen von Martin Kušejs Intendanz am Burgtheater. In der vergangenen Spielzeit überzeugte der israelische Schauspieler etwa in Maria Lazars "Der Henker" und inszenierte Wajdi Mouawads "Die Vögel". Nun setzt der 40-Jährige George Taboris Hitler-Farce "Mein Kampf" in Szene, Premiere ist im Burgtheater am Freitag, 9. Oktober. Mit der "Wiener Zeitung" sprach Tiran über Taboris großen Tabubruch, die Shoa und seine Sicht auf den gegenwärtigen Konflikt zwischen Israel und Palästina.

"Wiener Zeitung": George Tabori setzt sich in "Mein Kampf" auf komödiantische Weise mit dem Trauma der Shoa auseinander. Wie in vielen Werken des 2007 verstorbenen Theatermachers geht es darin um den "Fluch, meinen Feind zu verstehen", wie er in einem Interview einmal sagte. Was bedeutet Ihnen das Stück?

Itay Tiran: Mir geht es ähnlich wie George Tabori. Sein Tabubruch im Stück "Mein Kampf" bestand darin, Hitler nicht als Monster darzustellen, sondern als komplizierten und verwirrten Mann, der von niemanden geliebt wird. Nun begegnet ihm ausgerechnet der Jude Schlomo Herzl mit ausgesuchter Freundlichkeit. Ein Jude, der den jungen Hitler geradezu bemuttert. Was für ein unglaublich radikaler Gedanke! Tabori wurde seinerzeit dafür heftig kritisiert, ich finde seinen Ansatz hingegen unfassbar mutig. Es hat etwas von Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen.

Inwiefern?

Der wahre Inhalt einer Komödie ist stets todernst, über den Humor konfrontiert man sich auf ganz andere Weise mit dem Schmerz. Nicht umsonst gibt es so viele jüdische Witze über die Shoa, sie gehören mit zur Erinnerungskultur, einen baue ich sogar in die Inszenierung ein. Wenn man lacht, macht es einen etwas lockerer, freier und ermöglicht, hinter Masken und Mauern zu blicken.

George Tabori brachte 1987, mitten in der Waldheim-Debatte, die Uraufführung von "Mein Kampf" im Wiener Akademietheater heraus. Die Inszenierung war legendär, auch weil Tabori fallweise selbst mitspielte. Belastet Sie das?

Überhaupt nicht, ich empfinde es als Ehre, das Stück am Burgtheater inszenieren zu können. Mir geht es vor allem um die Perspektive der Menschen, die den Holocaust überlebt haben, wobei das wohl schon ein irreführender Begriff ist. Man kann den Holocaust nicht überleben, wie man etwa ein Schiffsunglück überlebt, vielmehr lebt man mit dem Trauma, es wird organischer Teil des Weiterlebens. Wir sind Zeugen der letzten Generation, die die Shoa noch erlebt haben, sie sind die letzten Mohikaner, in zehn, 15 Jahren wird es niemanden mehr geben, der aus eigener Anschauung von dieser Zeit erzählen kann.

Wie lässt sich dann die Erinnerung lebendig halten?

Diese Frage beschäftigt mich. Museen, Denkmäler, die ganzen Bücher, Filme und Theaterstücke, das ist alles gut und schön, aber wie hält man Erinnerung am Leben? Ich habe darauf leider keine Antwort. Ich weiß nur, dass es wichtig ist, nicht zu vergessen, denn die Gefahr besteht immer, dass sich Geschichte wiederholt.

Welche Rolle spielt die Shoa für Sie?

Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem die Erinnerung an die Shoa zum kollektiven Gedächtnis gehört und ich gehöre zur zweiten Generation Holocaust-Überlebender. Meine Großmutter war in Auschwitz. Wir haben eine enge Bindung und sie hat mir schon im Kindesalter vom KZ erzählt, sie sprach von den Erlebnissen im Lager, als wäre es ein Abenteuer gewesen, dass sie dank ihrer Chuzpe überlebte. Aber zugleich nahm ich ihre Angst wahr und ihr Unbehagen in alltäglichen Situationen, etwa wenn jemand den Teller nicht leer gegessen hat. Jetzt ist sie über 90, ihr Geist wird merklich schwächer und das Trauma kehrt unbarmherzig zurück.

Wie ist es für Sie, im Land der ehemaligen Nazi-Täter zu leben?

Wir müssen uns daran erinnern, wie eng unsere beiden Kulturen einmal verbunden waren. Der legendäre Aufbruch von Wien um 1900 wäre ohne das gebildete Judentum nicht möglich gewesen - Theodor Herzl, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Stefan Zweig und all die anderen. Wenn eine Münze fällt, gibt es nicht nur entweder Kopf oder Zahl, es gibt auch den Moment, in dem die Münze noch in der Luft ist - in diesem Moment der Spannung, in dem alles in Schwebe ist, möchte ich mein Leben einrichten.

Warum befürworten Sie die pro-palästinensische Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS), die zu Formen des Boykotts gegen Israel aufruft?

Ich finde, es ist eine legitime Bewegung. Als Pazifist bin ich grundsätzlich gegen gewalttätige Auseinandersetzungen jeder Art, aber friedfertigen Widerstand finde ich zulässig. Wie in jeder Bewegung gibt es auch beim BDS Extreme, Antisemitismus kann ich in keiner Form tolerieren. Aber wir müssen eine gerechte Lösung in der Palästinenserfrage finden, die meiner Meinung nach nur im Ende der Besatzung und der Etablierung einer Zwei-Staaten-Lösung liegen kann. Es ist nicht in Ordnung, dass Millionen Palästinenser so wie jetzt leben müssen.

Wird die Corona-Krise die Welt verändern?

Die Realität wird sich verändern, das ist sicher, aber zum Besseren? Da bin ich pessimistisch. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen sind nicht abschätzbar und wir beobachten, dass die Länder sich abschotten. Ich frage mich: Was bleibt über von der großen Idee Europa?