Pass Obacht: Wenn man sich ausgerechnet in einem Walkjanker mit Hirschlederknöpfen oder meinetwegen auch in einer während diverser Oktoberfeste gut durchgesessenen Lederhosn auf die Bühne stellt, um genüsslich vor allem die Handlungsträger und Lieblingssujets der heimatlichen boarischen Folklore auseinanderzunehmen, handelt es sich womöglich um die Protestmethode des Widerstands von innen - sowie die nicht zuletzt militärgeschichtlich erprobte, also ungefähr todsichere Strategie des Tarnens und Täuschens.

Der ortsansässige Jägermeister stellt sich ja auch nicht aus Jux und Tollerei oder aus modischem Interesse in bevorzugt braun-grüner Arbeitskleidung in den Wald hinein, sondern, um nicht als er selbst aufzufallen. Nicht nur mit dem sogenannten Schad- oder Problembären ist bekanntlich überhaupt nicht zu spaßen. Problembären, man weiß das, sind nicht zuletzt auch in der Lokalpolitik ein Riesenthema.

Watschen im Wirtshaus

Gerne kommt mit dem Trachtenjanker übrigens eine zünftige Musi daher, die gleichfalls bierzelt- und zirbenstüberlerprobt sowie auch im Rahmen von Lagerhauseröffnungen durch den Bürgermeister oder die eine oder andere Traktorsegnung historisch nicht unbedingt dazu veranlagt ist, mit den Verhältnissen ins Gericht zu gehen. Wobei sich zumindest das gute alte Gstanzl als verlässliche Ausnahme erweist, wenn es darum geht, der Obrigkeit die Meinung zu sagen. Im Sinne des gerne auch boshaft gefärbten Spottliedes von unten fliegen die Watschen dann zumindest auf Paar- und Kreuzreimbasis durch das Wirtshaus, falls nicht gerade gehobener rural-dadaistischer Nonsens und ein Spielchen mit der dazu bekanntlich bestens geeigneten bayerischen Sprache auf dem Programm stehen sollten.

Wie man sich nun in Form von "40 Jahre. Gerhard Polt und die Well-Brüder" (JKP/Warner) auf CD und bei zwei Österreichterminen am kommenden Sonntag (Globe Wien) und Dienstag (Stadtsaal Krems) auch live wieder überzeugen kann, wurde die Kombination aus rabiatem Sprechstück und subversiv gedeuteten Volksmusiken von Gerhard Polt und den Well-Brüdern, der umbesetzten Nachfolgeversion der Biermösl Blosn aus dem Ortsteil Grünzlhofen der Gemeinde Oberschweinbach im Landkreis Fürstenfeldbruck, so ausgelegt, dass sie ihr Publikum in Landgasthöfen ebenso finden konnte und kann wie im Wiener Burgtheater. Wobei man sich mit dem vorliegenden Mitschnitt aus je einem Bier- und einem Zirkuszelt sowie dem Admiralspalast im fernen Berlin mit drei Soziotopen auf einen guten Querschnitt geeinigt hat.

Aggro-Agrar-Rap

Vorne also steht Gerhard Polt und beginnt als Charakter, der bevorzugt viel redet und wenig sagt - weil man heutzutage bekanntlich ja auch gar nichts mehr sagen darf! -, bis nach drei, zwei, eins . . . unter Zugabe von reichlich Schnappatmung die Meinung förmlich aus ihm hinaus explodiert. Immerhin geht es um die dringend benötigte Rekatholisierung der bayerischen Heimat, den Kormoran als erheblich kulturfremden Gegner der deutschen Forelle und mit Gerhard Polt in der Rolle des alten Waschweibs um den heutigen Schratz, der keine Erziehung mehr hat - dafür aber den Vornamen Jason und eine Helikoptermutter. Sagen wir so, Schneeflockenkabarett wird im Rahmen der 13 Nummern definitiv nicht geboten.

Rundherum setzt es bei Stofferl, Michael und Karl Well zwar auch Volksmusik, wie man sie kennt, nur dass es darin um Minderheitenschutz geht (nämlich für die bayerische SPD), die Definition der Unendlichkeit in Ulan-Bator (und was diese mit dem Berliner Flughafen zu tun hat) oder den Weltuntergang auf Weißwurstbasis, Stichwort: "Auf beim Spund / D’woid geht z’grund / Womma nimma lem / Samma nimma g’sund / Kemma nimma singa / Auf beim Spund / D’woid geht z’grund: / Bumm!"

Allerdings hört man etwa auch die absurde Adaption einer Händel-Suite (Satz 1: "Aufstellung der Vereine und der Fahnenabordnungen vor dem Bierzelt zum Eintreffen des Kreisbrandmeisters in seiner neuen Audi-Q8-Dienstlimousine") oder eine bajuwarische Deutung der "Weltmusik" Afrikas zwischen Quetsche und Call-and-Response-Gesang ("E-Mam-Be-Le", gemeinsam mit den Toten Hosen). Außerdem beweist eine Art Aggro-Agrar-Variante des Genres, dass Gangsta-Rap auch aus Bayern kommen und das Thema Milchpreispolitik verhandeln kann: "Fick den Bauernverband / Wenn da Preis net steigt / Steckma eire Autos in Brand."