Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiter wuchert", schrieb Hannah Arendt. Die Überlegungen der Philosophin zum Totalitarismus und ihre weltberühmt gewordene These von der "Banalität des Bösen", könnte gleichsam den Subtext zu Ladislav Fuks‘ Roman "Der Leichenverbrenner" liefern. Der tschechische Autor (1923 -1994) zeichnet darin die allmähliche Verwandlung eines biederen Familienvaters zum NS-Kollaborateur nach, der engste Mitarbeiter an die Gestapo verrät, sich an Deportationen bereichert, schließlich selbst zum Mörder wird.

Es gelingt dem hierzulande kaum bekannten Autor, die Verstörung des Protagonisten Karel Kopfrkingl verständlich zu machen. Der haltlose Biedermann wird mit all seinen Ängsten und Befürchtungen anfällig für einfache Welterklärungen und identifiziert sich zunehmend mit einem starken Aggressor, in diesem Fall sein Kriegskamerad und bester Freund Reinke, ein strammer Nazi.

Wahrlügen

"Der Leichenverbrenner" ist 1967 erschienen und wurde 1968, mitten im Prager Frühling, verfilmt. Film und Buch verschwanden bald im Giftschrank der Zensur. Es ist überaus verdienstvoll, dass der Roman nun am Akademietheater in der Regie von Puppenspieler Nikolaus Habjan auf die Bühne gelangt.

Allerdings ist die Bearbeitung von Franzobel äußert holzschnittartig geraten, die Hinwendung des Spießbürgers zum Faschismus ist nicht mehr wirklich nachvollziehbar, das dürre szenische Gerüst wurde von Regisseur Habjan noch einmal eingedampft, sodass der unbequeme Inhalt sich noch mehr verflüchtigt. Warum der brave Familienmensch Karel Kopfrkingl zum Nazi-Spitzel wird, bleibt an diesem Abend ein Rätsel.

Michael Maertens stellt den Protagonisten mit dem ungewöhnlichen Beruf des Leichenverbrenners im Prager Krematorium zugeknöpft dar; steif und ungelenk steht er in seinem schwarzen Anzug in der Bühnenlandschaft herum und leiert den Text monoton herunter. Die unterkühlte Darstellung ist Absicht, ausdrücklich in einer Bühnenanweisung vorgesehen. Die gesamte Ausstattung (Bühne: Jakob Brossmann, Kostüme: Cedrik Mpaka) ist unnatürlich-streng und künstlich-ernsthaft. Doch aus der beklemmenden Atmosphäre entfaltet sich in der szenischen Umsetzung leider keinerlei Spannung, vielmehr macht sich im Lauf der 100-minütigen Aufführung zunehmend Fadesse breit, obwohl das Ensemble rund um den düsteren Protagonisten - Dorothee Hartinger, Sabine Haupt und Alexandra Henkel - damit ringt, den Nebenrollen Format zu verleihen.

Sämtliche Figuren außerhalb Kopfrkingls Familie werden von Puppen verkörpert. Regisseur Habjan und das Ensemble führen die monsterähnlichen Puppen. Wobei es in der Darstellungsweise kaum einen Unterschied gibt zwischen dem Nazi-Verführer Reinke und den NS-Opfern. Die Puppen stehen einfach für alles außerhalb der vier Wände der Familie. Ob das schon als Konzept genügt?

"Man kann sagen, dass der Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat - die teuflischste Variante, die man sich denken kann - nämlich: das Wahrlügen", heißt es bei Hannah Arendt. Davon schreibt auch Ladislav Fuks, das treibt auch gegenwärtige Hassprediger um. Schade, dass man im Akademietheater kaum etwas von dieser Brisanz bemerkt.