Auch das kam für Regula Mühlemann heuer überraschend: Dass die Corona-Krise ihrem Arbeitsjahr eine unverhoffte Symmetrie beschert. Die Sopranistin, 1986 in der Nähe von Luzern geboren, fängt dieser Tage da wieder an zu singen, wo sie vor acht Monaten aufgehört hat: an der Wiener Staatsoper. Dort stellte sie sich im Februar erstmals vor, dort nimmt sie am nächsten Montag wieder die Arbeit auf.

Den Shutdown dazwischen hat sie als jähen Kontrast erlebt - hat sie das Staatsoperndebüt doch in einen Adrenalinrausch versetzt. "Die Adina in ‚L‘elisir d‘amore‘ war nicht nur mein Hausdebüt, sondern auch eine neue Rolle für mich." Dafür hat sie sich auf der Probebühne vorbereitet, eine Bühnenorchesterprobe im Haus selbst gab’s aber nicht. "Ich hatte meine Stimme noch nie auf dieser Bühne vor Publikum gehört, da braucht man gute Nerven. Ich bin drei Stunden vor der Aufführung zumindest über die Treppe der Inszenierung gegangen, hab mir den Ziehbrunnen da angesehen; ich dachte, ich muss ihn immerhin einmal rauf- und runterdrücken, dass ich weiß, wie er funktioniert. Ich war ganz hibbelig." Zum Glück: "Als es losging, ist der Stress von mir abgefallen, das ist bei mir oft so. Es wurde mir bewusst, wie wunderbar es ist, auf dieser Bühne zu stehen. Und dann habe ich es einfach nur noch genossen."

Sauerteig - eine Wissenschaft

Wie hat sie die Covid-Pause danach verbracht? Mit Gedanken über ihre Lebensführung, über die vielen Arbeitsreisen, die sie meist an europäische Bühnen bringen: "Will ich das, dass dieser Beruf so viel Platz in meinem Leben einnimmt? Bisher war ich glücklich in meinem Hamsterrad, die Zwangspause hat mich aber ein wenig ins Grübeln gebracht. Könnte ich den Stress ein wenig reduzieren oder ein bisschen mehr Urlaub einbauen?"

Die Corona-Klausur hat dann zwar nichts Grundsätzliches an ihrer Haltung geändert. Die viele Mußezeit hat die 34-Jährige aber immerhin auf neue Hobbywege gebracht. Die Sopranistin, 2016 mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik für ihre Debüt-CD mit Mozart-Arien geadelt, hat sich ins Backen von Sauerteigbrot vertieft. "Das ist eine Wissenschaft", sagt sie lachend. "Man züchtet eine Kultur, die Vorbereitung dauert Stunden, man dehnt und faltet. Die Aneignung dieser Skills hat Wochen gedauert, erste Versuche waren frustrierend. Irgendwann habe ich echt gutes Brot gebacken. Nur: Damit hat sich der Reiz auch etwas verloren." Auf der Bühne sehe es diesbezüglich anders aus. "Das liebe ich so sehr an der Musik: Dass die Herausforderungen nie aufhören, dass man bis an seine Grenzen gebracht wird und dann schon die nächste Rolle kommt. Ich denke, wir Sänger sind Adrenalinjunkies, die solche Erlebnisse suchen und brauchen."

Die nächste Erfahrung dieser Art steht am Montag bevor. Dann singt die Frau mit dem feinen Sopran die Blonde in der "Entführung aus dem Serail" - es ist dies die zweite Premiere von Neo-Staatsopernchef Bogdan Roščić. Wie die "Butterfly" davor, wird auch diese Novität aus dem Ausland importiert. Hans Neuenfels hat seine "Entführung" 1998 in Stuttgart erarbeitet; Kernidee: Jede Rolle wird einem Sänger und einem Schauspieler zugewiesen. Spannend, findet Mühlemann, die so zwar einige Sprechtexte an ihr Alter Ego verliert. Die zweifache Besetzung würde aber dazu führen, dass die Blonde als emanzipierte Frau die doppelte Energie und Präsenz erhalte.

Apropos Auftreten: Die "Entführung" wird nicht die letzte Oper sein, an der Mühlemann in Wien teilnimmt. Roščić hat die Luzernerin einem Sängerteam zugeteilt, das sukzessive mehrere Mozartopern einstudieren soll und, so die hehre Hoffnung, damit ans legendäre Wiener Mozart-Ensemble der Nachkriegszeit anknüpft. Ein Vorhaben, das auf profaner Ebene für Missverständnisse sorgt. Mühlemann: "Ich bin in Interviews mehrmals gefragt worden, ob ich nun Ensemblemitglied an der Staatsoper bin. Ich komme zwar öfters ans Haus, in dieser Saison noch für eine ‚Fledermaus’, 2021 für eine ‚Zauberflöte’, habe daneben aber Freiraum für anderes."

Wie etwa dafür, bald in Basel eine Pamina zu verkörpern. Und es bleibt auch Zeit, um die Werbetrommel zu rühren für Mühlemanns neuen Streich bei Sony Classical, dem ehemals von Roščić geleiteten Label. Nach "Lieder der Heimat" - einem bravourösen Dienst des peniblen Soprans an Schweizer Raritäten - hat sie nun eine zweite Mozart-CD vorgelegt. Ein Tonträger mit sehr schlankem Klangbild, aber einigem Mut dahinter: "Für mein Debütalbum vor fünf Jahren habe ich meine absoluten Lieblingsarien gewählt, ich war aber vorsichtig und wollte damals noch nicht unbedingt die Mozart-Klassiker einspielen." Das ist diesmal ein wenig anders: "Jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Stimme mehr lyrisches Potenzial besitzt und die Zeit reif dafür war, zumal ich einige Rollen wie etwa die Susanna und Pamina gesungen habe beziehungsweise bald auf der Bühne singen werde." Gewisse Mozart-Partien, die Konstanze oder Fiordiligi, hält sie zwar noch auf Distanz. Aber das ist es ja, was sie an dem Beruf liebt: Dass es an Herausforderungen nie mangelt.