Das seltsamste Komiker-Duo, das man wohl je im deutschsprachigen Theater gesehen hat, bringt George Tabori in seinem Stück "Mein Kampf" auf die Bühne: Der Jude Schlomo Herzl trifft in einem Obdachlosenheim auf den jungen Möchtegernkünstler Adolf Hitler, zwischen den beiden entspinnt sich eine unfassbare Hassfreundschaft.

Tabori orientiert sich flüchtig an der Historie, Hitler hielt sich tatsächlich vor dem Ersten Weltkrieg phasenweise in einem Männerwohnheim in der Meldemannstraße in Wien-Brigittenau auf, aber vor allem entfacht Tabori eine aberwitzige Groteske voll tiefschwarzem Humor und einem Feuerwerk bizarrer Szenen, etwa wenn ausgerechnet Schlomo Herzl Hitlers zotteligem Schnurrbart knapp in Form stutzt, in das strubbelige Haar einen strengen Seitenscheitel zieht und den Bohémien mit den Erkennungsmerkmalen des Diktators versieht.

Gepeinigt von Flashbacks

"Mein Kampf" ist eines der erfolgreichsten Bühnenstücke Taboris, mit weltweiten Aufführungen. Nun bringt Itay Tiran "Mein Kampf" am Burgtheater heraus, es ist die erste Neuinszenierung am Haus seit Taboris Uraufführung 1986. Taboris Inszenierung am Akademietheater war legendär, auch weil der charismatische Theatermacher fallweise selbst auf der Bühne stand und seinerzeit die Debatte rund um Waldheims Präsidentschaft auf Hochtouren lief.

Mehr als 30 Jahre später geht der israelische Regisseur und Schauspieler mit einem eigenwilligen Ansatz an die Sache heran: Die Handlung entfaltet sich, als wäre es eine albtraumhafte Vision Schlomo Herzls. Der Protagonist Herzl wird in Tirans Deutung zu einem Holocaust-Überlebenden, all die anderen Bühnenfiguren sind Einbildungen und Eingebungen, die wie bei einem Flashback den Traumatisierten erneut peinigen. Schlomo entkommt seinen Erinnerungen nicht. Das ist im Stück zwar nicht so vorgesehen, aber erweist sich dennoch als schlüssige Deutung und verleiht dem Hölderlin-Zitat, das Autor Tabori dem Text voranstellte einen tieferen Sinn: "Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! O Freunde! Mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur."

In die weitläufige Bühne des Burgtheaters wurde eine Holzbaracke gezimmert, ohne Fenster und Türen, zum Publikum hin offen (Bühnenbild: Jessica Rockstroh). Markus Hering verkörpert Schlomo Herzl mit wunderbar verhuschter Zartheit, seine Füße stecken in warmen Hausschuhen, er trägt einen langen, zerschlissenen Mantel und eine Wollmütze, die ihm vom Kopf rutscht. Sein Konterpart, der junge Adolf Hitler, wird von Marcel Heuperman dargestellt.

Der Kontrast zwischen dem massigen und großgewachsenen Heuperman und Hering, der in der Nähe des Hitler-Darstellers wie unter Strom steht, könnte nicht größer sein. Die beiden Schauspieler stürzen sich todernst in ihre komödiantischen Duelle, die zu den Höhepunkten der zweistündigen Aufführung gehören, sie bringen einen zum Lachen, obwohl einem eher zum Weinen zumute ist. Szenischer Amoklauf, Paarlauf deluxe.

Ein darstellerisches Virtuosenstück ist der Auftritt von Silvie Rohrer als Frau Tod und auch Oliver Nägele ist als Lobkowitz eine Wucht. Aber allmählich entgleitet der Abend, verliert Form und Rhythmus. Die Inszenierung wird zunehmend gewalttätig, Hering wird etwa symbolisch ans Kreuz genagelt. Der ohnehin schon zugespitzte Text, Schmerz und Scherz sind bei Tabori stets zwei Seiten einer Medaille, wird immer noch überdrehter dargestellt, der szenische Mehrwert ist allerdings fraglich. Der berückende Regieansatz, "Mein Kampf" als Trauma-Flashback, geht in dem ganzen Wirbel leider unter.