Absolute Musik ist Musik ohne Text, sagte der österreichische Musikkritiker Eduard Hanslick Anfang des 19. Jahrhunderts. "Ich glaube das nicht", sagt der spanische Musikwissenschafter Álvaro Torrente Angang 2020 in seinem Büro, der unlängst umgebauten Umkleidekabine des Hallenbads der Universität Complutense in Madrid. Vielmehr sieht er eine Entwicklung im 18. Jahrhundert, auf die Hanslicks noch immer vorherrschende Theorie zurückgeführt werden kann. Laut Torrente folgt die Musik gewissen Codes, die in Verbindung mit Texten entstanden sind, zum Beispiel in der Oper.

In der ersten Arie der Oper "Didone abbandonata", "Son Regina Son Amante", geht es um die Unabhängigkeit einer Frau von einem Mann, der sie kontrollieren will, erklärt der 57-Jährige und ergänzt: "Dem Text alleine fehlt die Wirkung. Man kann sich die Gefühle nur vorstellen. Und der Musik alleine fehlt der Kontext." Der Stoff wurde vor fast 300 Jahren zum ersten Mal vertont.

Im 18. Jahrhundert versuchte Maria Theresia, Schlesien von den Preußen zurückzuerobern, die Industrielle Revolution nahm gerade ihren Anfang und Mitte des Jahrhunderts wurde Mozart in Salzburg geboren. Bald schon sollte auch sein Talent sich mit dem des Wiener Hofdichters und Librettisten Pietro Metastasio kreuzen. Denn Metastasio war ein Star seiner Zeit. Um die dreißig Prozent der Opern, die in der Mitte des 18. Jahrhundert in Europa aufgeführt wurden, sind Vertonungen seiner Texte.

Katalog der Emotionen

Mit Metastasios Werk hat Torrente ein optimales Forschungsobjekt gefunden. Bisher wurden immer nur einzelne Opern angeschaut, oft von berühmten Komponisten, sagt er. Durch die Analyse möglichst vieler Vertonungen von Metastasio-Arien will sein Team nun herausfinden, wie sehr sich die musikalischen Umsetzungen der Texte gleichen. So wollen sie eine empirische Grundlage schaffen. "Es heißt immer, Mozart hat dies und jenes gemacht, aber man weiß nicht, ob er das gemacht hat, weil es ein Trend war oder weil er ein Genie war", sagt Torrente.

"Didone" heißt das Forschungsprojekt, nach der Oper von Metastasio. Es erhält eine Förderung von knapp 2,5 Millionen Euro durch den Informationsdienst für Forschung und Entwicklung (Cordis) der Europäischen Kommission. 17 Mitarbeiter sind in der ersten Phase, seit Jänner 2019, damit beschäftigt. Im Laufe der kommenden vier Jahre werden noch viele weitere Menschen involviert werden und internationale Konferenzen stattfinden. Auch in Wien wird geforscht. Aber noch liegt das Meiste in den Händen der Kerngruppe in Madrid.

In einem ersten Schritt werden die Partituren in eine einheitliche Form gebracht. Jede Note wird einzeln abgetippt, jede einzelne Partitur muss transkribiert werden. Anschließend wandelt eine Informatikerin dieses Material mit verschiedenen Softwares in Daten um. Auf dieser Grundlage kann sie erste Statistiken erstellen und in grafische Darstellungen überführen. Das Musikstück bekommt per Mausklick eine visuelle Struktur. Sie zeigt, wann und wie lange die Solisten singen und welche und wie viele Instrumente wann verwendet werden. "Bisher war es so, dass man einfach davon ausging: Eine Trompete wird für Freude verwendet", bricht die Projektmanagerin Clara Criado herunter. Wissenschaftlich belegt sei das bisher aber nicht.

Die Wissenschafter wissen, dass es um die vierzig Opern-Libretti von Metastasio gibt, die genaue Zahl ist unbekannt. Mindestens 27 haben sie bereits ausfindig gemacht, aus denen um die 900 vertonten Opern entstanden sind. Für die Analyse musste dementsprechend eine Auswahl getroffen werden und so konzentriert man sich nun auf acht Libretti. Doch auch diese Auswahl bringt noch immer 200 Opern und 4.000 Arien mit sich. Nach einem Jahr Arbeit haben die Mitarbeiter ungefähr acht Prozent (331) davon digitalisiert. So wie es aussieht, werden sie es am Ende nur schaffen, drei Libretti zu analysieren: "Didone abbandonata", "Demofoonte" und "Artaserse".

Die Analyse stützt sich auf den Gedanken des französischen Philosophen René Descartes, wonach "es der Sinn von Musik ist, menschliche Gefühle zu wecken". Er hat die sechs Grundemotionen festgelegt: Freude und Traurigkeit Verwunderung, Liebe, Hass und Begehren. Metastasio hat mit diesen gearbeitet.

Der Librettispezialist des Forschungsteams, Nicola Usula, der vor dem Forschungsprojekt an der Universität Wien tätig war, verwendet einen Emotionenkatalog, anhand dessen sich die von Metastasio verwendeten Begriffe den von Descartes benannten Gefühlen zuordnen lassen.

Nach seiner Analyse werden die Emotionen mit den Noten abgeglichen, die die verschiedenen Komponisten für die Vertonungen der Libretti verwendet haben. Die Ergebnisse werden mit den verwendeten Instrumenten und den Solisten in Verbindung gebracht und so entstehen weitere Statistiken und Grafiken.

Bisherig können die Wissenschafter schon Aussagen über die Verwendung von Instrumenten und Tonarten machen. Sie haben beispielsweise rausgefunden, dass alle Versionen der Arie "Son Regina Son Amante" in Dur sind und 90 Prozent davon im Zweivierteltakt. Außerdem konnten sie feststellen, dass für traurige Arien eher kurze Intervalle verwendet wurden.

Mittelpunkt Wien

In Wien forscht Andrea Sommer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit. Eigentlich wollte sie im März für eine Konferenz nach Madrid reisen, aber der Coronavirus verhindert das. Und auch die Uraufführung der Metastasio-Oper "Achille in Sciro" von Francesco Corselli, die ab 17. März nach 175 Jahren zum zweiten Mal in Madrid gespielt werden sollte, fiel aus. Antonio Caldara hatte sie anlässlich der Hochzeit Maria Theresias mit Franz von Lothringen im Februar 1736 in Wien zum ersten Mal vertont.

Metastasio kam - für den Hof ungewöhnlich - auf Einladung und gegen den Willen des Hofmarschalls nach Wien. In Italien war er bereits ein bekannter Poet, in Wien sollte er 52 Jahre seines Lebens, bis zu seinem Tod bleiben. Seine Libretti waren in Europa verbreitet und beliebt, in Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Schweden und Spanien. Metastasio war eine wichtige europäische Persönlichkeit, wie Torrente sagt. Sommer, die Theaterwissenschafterin ist, beschäftigt sich schon lange mit dem Dichter und den kulturellen Verbindungen der Habsburger nach Italien und Spanien. Deshalb hat Torrente sie eingeladen, an seinem Projekt mitzuarbeiten. Bisher hat sie sich vor allem darum gekümmert, Libretti und Partituren in Wien ausfindig zu machen.

Arien als Big Data

Das Besondere an der Forschung ist die Methode. Im Laufe der kommenden vier Jahre soll ein Algorithmus entwickelt werden, der auf alle Arien angewendet werden kann. "Wir sprechen hier von Big Data", sagt Torrente. Zudem sollen um die 3.000 Arien zur Verfügung gestellt werden, von denen 2.800 bisher kaum zugänglich waren. Nach Ende des Forschungsprojekts soll ein Repertoire an Informationen existieren, das leicht zu durchsuchen und für weitere Analysen nutzbar ist.

Das wohl ambitionierteste Ziel aber ist die Gründung eines Metastasio-Festivals, dass jedes Jahr für ein bis zwei Wochen stattfinden soll. Hier sollen drei bis vier verschiedene Versionen des gleichen Librettos gespielt werden, die dann von einem interessierten Publikum diskutiert und verglichen werden können.