Wie Hans Neuenfels auf sein Konzept kam, ist nicht überliefert. Denkbar aber, dass er davor einen Sketch von Monty Python aus den 70er Jahren gesehen hat: Ein Bergsteiger will darin an einer Afrika-Tour teilnehmen, der Expeditionsführer leidet jedoch an Doppelbildern und spricht den Bewerber darum als zwei Personen an. Reiseziel sei es, nach Überresten der Vorjahrs-Expedition zu suchen - als versucht worden war, eine Brücke zwischen den beiden Kilimandscharos zu bauen.

Hans Neuenfels hatte eine ähnliche Idee: Er hat das Personal von Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" verdoppelt. Abgesehen von Bassa Selim, der Sprechrolle des Orientfürsten, ist bei ihm jede Figur mit einem Sänger und einem Schauspieler besetzt. Ganz neu ist diese "Entführung" nicht: Schon vor 22 Jahren hatte sie in Stuttgart Premiere, nun ist sie nach Wien geholt worden - und machte am Montag einen irritierenden Eindruck. Jedenfalls zu Beginn, der an den obigen Sketch erinnerte: Zwei Belmontes wollen auf Expedition zwei Konstanzes aus den Fängen zweier Osmins retten. Dieses Spektakel beschert dem Zuschauer anfangs Doppelbilder wie am Ende einer Zechtour, und es führt zu halblustigen Pointen. Selbstgespräch des Helden mit seinem Alter Ego: "Bitte beruhig dich, Belmonte!" "Danke, Belmonte." "Bitte."

Dialoge mit Schnappatmung

Hinzu kommt: Die Sprechqualitäten eines Schauspielers überragen nicht immer jene eines Sängers. Wäre zwar fein, die Dialoge dieses Singspiels aus glaubwürdiger Kehle zu hören, und gerade diese Regie scheint dazu angetan. Aber so rufzeichenlastig, wie Herr Bassa hier eine Abendländerin zur Erwiderung seiner Liebe zwingen will, entsteht der Eindruck, die Regie hätte dem Serail-Boss (Christian Nickel) und der Sprech-Konstanze (Emanuela von Frankenberg) für ihre Dialoge eine Dauer-Schnappatmung befohlen.

Doch seltsam: Je länger dieser multiple Mozartabend dauert, desto selbstverständlicher wirkt er auf das Auge und beginnt, gewisse Vorzüge auszuspielen. Zum einen ist dies seine Bewegungsenergie. Zwei Konstanzes, Belmontes, Pedrillos und Blonde entfachten davon schlicht mehr als ein "hohes" und ein "niederes" Paar. Neuenfels entfesselt diese Dynamik detailreich und, ja, recht werktreu. Immerhin ist er um einen Mozartianischen Mix aus Tragödie und Komödie bemüht. Mag auch manches Kostüm (Bettina Merz) schrill schillern, setzt es hier keine Regieideen der Sorte Ätsch!-am-Ende-sterben-doch-alle.

Zudem neutralisiert dieser Abend das Unzeitgemäße der Oper. Die alten Sprechtexte sind durch Dialoge ersetzt worden, die auch helle Humormomente haben (wenn etwa die Blonde als Beispiel für eine starke Frau Miss Marple nennt). Und das Klischee vom mordlustigen Moslem wird gewitzt unter Anführungszeichen gesetzt. Eine Bühne auf der Bühne, von Ausstatter Christian Schmidt mitten in die zentrale Palastwand gesetzt, bietet nebst einem grimmigen Mob mit aufgespießten Köpfen allerlei Schauwerte.

Spiel mit der Metaebene

Das Kostbarste aber, das dieser Regie gelingt: ein leichthändiges Vexierspiel zwischen Theater und Metaebene. Ist das alles Spiel oder Spiel im Spiel? Man fragt sich das etwa, wenn die beiden Paare im Orchestergraben ein Quartett gesungen haben und dafür Blumen von ihren Doubles erhalten. An einem lässt Neuenfels jedenfalls keinen Zweifel: Dass Musik, als Rettungskraft in der Not, den Menschen auf eine höhere Ebene hebt.

Auch diese Kraft ist hier anfangs gewöhnungsbedürftig: Antonello Manacorda lässt dem Graben einen dürren Sound entsteigen; keine Klangmasse, die Patzer gütig unter sich begraben würde. Andererseits ist diese quecksilbrig-hurtige Begleitung ein Quell der Energie, über der Regula Mühlemann (Blonde) zierlich zwitschert, während sich Daniel Behle (Belmonte) zwar im Brustregister nicht recht frei singt, aber im Koloratur-Slalom glänzt. Und Lisette Oropesa als Konstanze? Ihr fehlt es an klanglicher Rundung, nicht aber am Ausnahmetalent, die ziseliert-kraftraubenden "Martern aller Arten" zu meistern. Mit Abstrichen erfolgreich: Der klangschlanke, aber nicht Osmin-tiefe Bass von Goran Jurić sowie der clowneske Tenor von Michael Laurenz (Pedrillo), während die Schauspieler rundum (Stella Roberts, Ludwig Blochberger, Andreas Grötzinger, Christian Natter) Vitalität einbringen. Letzteres tat auch das Publikum, dem es hörbar Unbehagen bereitete, dass der Bassa nach dem Schlusschor noch ein Mörike-Gedicht rezitierte ("Das gehört nicht dazu!"). Am Ende ein Gewoge aus Buh- und Bravorufen - und die Erkenntnis, wie sehr auch ein Regie-Oldtimer noch die Lebensgeister wecken kann.