Irgendwie ist auch das Ende amerikanisch. Letzter Auftritt des Opernhelden, soeben frisch aus dem Gefängnis entlassen: Er singt, wie sehr er die Opernheldin liebt - und weiß als Einziger nichts von der üblen Lage, die sich auf den Gesichtern rundum abzeichnet. Wäre dies ein Drama von Puccini, die Geliebte wäre wohl soeben an einer tödlichen Krankheit gestorben. Bei George Gershwin (1898-1937) ist die Situation nicht ganz so düster. Bess, die herzensgute, seelisch labile Frau aus der schwarzen Armensiedlung in Charleston, ist zwar mit einem Tunichtgut namens Sportin’ Life nach New York abgerauscht. Der verlassene Porgy resigniert aber trotz der vielen Meilen und seines lahmen Beins nicht: Er geht ins "gelobte Land", singt er und krempelt die Ami-Ärmel hoch.

Blue Note trifft Verismo

Es ist ein Jammer, dass "Porgy and Bess" so selten der Sprung über den großen Teich nach Wien gelingt. 1935 uraufgeführt, mischt das Liebesdrama aus dem schwarzen Ghetto das Kunstkapital der Alten Welt klug mit Anregungen aus der Neuen: Wie Gershwin die Musik immer wieder auf eine italienische Inbrunst zusteuern lässt, das Klanggeschehen dann aber doch mit Blue Notes, Spiritual-Wendungen und Swingrhythmen pfeffert, macht den Opernschöpfer zu einem Unikum, gewissermaßen einem Puccini mit "Americanità".

Bemerkenswert aber auch, dass der Sohn russisch-jüdischer Immigranten hier weitere Kontraste mischt, nämlich (weiße) Popmusik mit Hochkultur. Selbst hier, in seinem Bravourwerk, hat er die eigenen Anfänge als schnöder Melodienschmied für den Kommerz durchscheinen lassen: Die Arien aus "Porgy and Bess" folgen weitgehend dem damaligen Bauplan für Pop-Hits und avancierten entsprechend rasch zu eigenständigen Evergreens. Und doch sind sie in "Porgy and Bess" kein verstreutes Ohrenfutter, sondern organisch in eine virtuose Großform integriert: Der Wechsel zwischen Arie, Duett und Tableau beweist Gershwins Theaterpranke, das Dissonanz-Gestöber in der Sturmszene sein Wissen um moderne Effekte.

Ein Glücksfall, das Stück nun im Theater an der Wien erleben zu dürfen - im buchstäblichen Sinne. Einerseits schreibt der Rechte-Inhaber aus Übersee eine rein schwarze Sängerschaft für alle szenischen Produktion weltweit vor; das Theater an der Wien hat darum eine Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt geschmiedet. Andererseits trat dann die Pandemie auf den Plan und vereitelte die Anreise der Choristen aus Südafrika. Das drangsalierte Wiener Haus hat in Windeseile Ersatz aus vier Kontinenten zusammengetrommelt.

Insofern tut man gut daran, nicht jede einzelne Note dieses Abends auf die Goldwaage zu legen. Norman Garrett überwältigt jedenfalls als Crown: Der gewalttätige Ex von Bess tritt immer wieder auf den Plan, und sein Klang- und Körpereinsatz verströmen die Brachialerotik eines Stanley Kowalski. Eric Greene muss, rein körperlich gesehen, dahinter nicht zurückstecken: Trotz Beinstütze macht er als Porgy eine imposante Figur und ist mit einer sämigen, souligen Stimme gesegnet, die nur in höheren Lagen etwas porös wirkt. Auch Jeanine De Bique hat als Bess ihre Nöte in dieser Region, neigt zu scharfen Spitzen, wiegt dies aber dadurch auf, wie fokussiert und grazil sie ihren Sopran zu führen vermag. Und Sportin’ Life? Zwakele Thabalala verleiht dem Dealer, mit Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug ausgestattet, ein aufreizendes Gockelverhalten; seine Angebertöne treffen nicht immer ins Ziel, sind jedoch von einer Bärenkraft befeuert.

Bis die Wände wackeln

Letzteres gilt auch für die Begleitmusik: Sie kommt laut Programmheft vom "Wiener KammerOrchester - special extended". Dessen Domäne ist zwar nicht der Schönklang, dafür agiert es unter der kundigen Hand von Wayne Marshall mit schneidiger Präzision und vermittelt die Heftigkeit des Dramas bisweilen mit Dezibelwerten, dass die Wände wackeln.

Womit noch die Bühne zu erwähnen wäre - und die Behauptung von Regisseur Matthew Wild, der Abend sei in einem Flüchtlingslager angesiedelt. Dafür sprechen jedoch nur die 32 Wohncontainer auf der Drehbühne und eine einzige Frau mit Moslemschleier; ansonsten schnurrt das Stück in dezent aktualisierten Kostümen und mit viel Körpereinsatz ab - hingehen, bevor’s zu spät ist.