Eine gewisse Logik ist der Abfolge nicht abzusprechen. Erst hat Henry Mason, der Wahlwiener aus London, an der Volksoper den "Zauberer von Oz" inszeniert, nun bereitet er dort eine "Zauberflöte" für die Premiere vor. Hat er sich die Scherzfrage anhören müssen, ob er jetzt die "Zauberflöte von Oz" inszeniert? Bisher nicht, sagt der 46-Jährige im Gespräch und kichert kurz in seinen Vollbart. "Aber ich hätte damit kein Problem. Die eine Premiere hat ja zur anderen geführt. Direktor Robert Meyer hat mich ziemlich direkt nach ‚Oz‘ gefragt, ob ich auch die ‚Zauberflöte‘ gemeinsam mit Ausstatter Jan Meier übernehmen würde. Darüber musste ich nicht lang nachdenken, ich liebe fantastische Stoffe und Mozart."

Die Zauberoper, ab Samstag zu erleben, werde freilich nicht wie ein Klon der Musical-Premiere von 2014 aussehen. "Es geht diesmal in eine andere Richtung, es ist ein ganz anderer Stoff. Ich arbeite dabei stark mit Puppen und Figuren der Neuseeländerin Rebekah Wild. Das soll aber kein schmückendes Beiwerk sein, sondern Sinn im Rahmen des Konzepts entfalten." Wie das gemeint ist? Dafür muss Mason ein wenig ausholen: "Das Stück wird gern dualistisch betrachtet, als Kontrast zwischen Tag und Nacht, Vernunft und Gefühl. Natürlich: Hinter der ‚Zauberflöte‘ steht die Idee der Aufklärung, die sich gegen Aberglauben und Mystizismus richtet und von Sarastro und seinen Priestern verkörpert wird." Aber: "Aus dem Heute heraus gesehen, sind wir zu einem anderen Schluss gekommen - dass es in diesem Stück nämlich noch eine dritte, erneuernde Kraft gibt. Sie steht mit der Natur im Bunde und kommt von den jungen Figuren in dem Stück."

Lichtgestalt mit dunklen Seiten

Möchte eine "Zauberflöte" für die ganze Familie inszenieren: Henry Mason. - © Klaus Huemer
Möchte eine "Zauberflöte" für die ganze Familie inszenieren: Henry Mason. - © Klaus Huemer

Das kommt ein wenig überraschend - und lässt einen über den Tellerrand der Opernwelt hinausdenken. Haben die Fernsehbilder von Greta Thunberg in dieses Konzept hineingefunkt? Ja, sagt Mason. Wobei: Die "Fridays for Future" bleiben ohne sichtbare Folgen für die Bühne. Auch diese "Zauberflöte" wird in einem Zauberreich ertönen und an der Volksoper mit Kostümen bestückt, "die durch Japan und den arabischen Raum beeinflusst sind".

Um die jungen Charaktere hervorzuheben, kommen dabei die Puppen ins Spiel. Sie sollen Pamina, Tamino und den drei Knaben ihre eigene magische Sphäre eröffnen. Das unterstreiche den archaischen Zauber des Stücks - und auch, dass die "Zauberflöte" eigentlich das älteste Märchen der Welt erzähle: "Die Geschichte von Prinz und Prinzessin, die trotz Widernissen am Ende zusammenkommen und eine Welterneuerung bewirken."

Aber kommt es hier wirklich zu einer Erneuerung? Mason ortet jedenfalls einen Generationenkonflikt. "Pamina und Tamino sind gewissermaßen die Kinder, sie müssen ihren Weg in die Zukunft finden und sich von Manipulationen lösen, mit denen Erwachsene instinktiv arbeiten, hier also die Königin der Nacht und ihr Gegenspieler Sarastro." Wobei Letzterer nur scheinbar im reinen Licht strahle: "Er ist ein Sklavenhalter, hat Priester, die mit sexistischen Sprüchen um sich werfen. Man zweifelt, ob die Tempelsphäre so koscher ist, wie sie vorgibt. Und man fragt sich: Was sind die wahren Gründe dafür, dass Sarastro Pamina entführt hat? Ich sehe ihn als gespaltene Figur, die hin- und hergerissen ist zwischen Weisheit und Egobedürfnis." Das hat auch einen praktischen Nutzen: "Die Kontraste machen ihn zu einer interessanteren Figur, als wenn er nur der weise, tönende Chef eines Priesterklubs ist."

Apropos Libretto. Ist die "Zauberflöte" nicht ein zwiespältiges Vergnügen für Regisseure? Einerseits winkt das große Publikum dank der Zugkraft - andererseits zwingt das wenig stringente Textbuch zu einiger Denkarbeit. Mason: "Ich finde, das Libretto ist viel besser als sein Ruf. Ja - der zweite Akt hat eine verworrene Dramaturgie und gibt Fragen auf; aber man kann nicht sagen, dass Emanuel Schikaneder ein Machwerk hingerotzt hätte und Mozart etwas Meisterliches daraus gemacht hat. Die Geschichte dockt an uralte Mythen an und hat einen direkten Draht zu etwas sehr Kraftvollem, Archaischem." Ein Schatz, den Masons Regie freilich auch der Jugend erschließen will. "Man würde der ‚Zauberflöte‘ einen schlechten Dienst erweisen, würde man sie nicht auch Kindern zugänglich machen", sagt der Mann, der reichlich Expertise im Kindertheater besitzt. "Viele haben ihre erste, faszinierende Opernerfahrung mit dem Stück gemacht."

Und wie fanden die Proben unter dem Covid-Damoklesschwert statt? Unter sicheren, aber auch hemmenden Bedingungen: "Bei den Proben haben alle Masken getragen, abgesehen von den Künstlern, die gerade singen oder sprechen mussten; einmal wöchentlich haben alle einen Test." Schön daran jedenfalls: "Die Strategie der Volksoper scheint zu funktionieren." Und wie steht es mit Körperkontakt auf der Bühne? "Ich hatte diesbezüglich keine Vorgaben. Aufgrund der Situation habe ich Körperkontakt aber, fast instinktiv, weniger eingesetzt. Es ist erstaunlich, wie schnell ein Tabu entsteht." Der Vorteil auf der anderen Seite: "Dadurch verwendet man solche Momente viel bewusster, sie strahlen dann auf der Bühne vielleicht auch mehr Kraft aus. Der Augenblick, in dem sich Pamina und Tamino nach fast drei Stunden das erste Mal an der Hand nehmen, hat dann wirklich etwas zu bedeuten."