Heutzutage fast schon eine Seltenheit: Die Ouvertüre erklingt bei geschlossenem Vorhang. Musik pur also. Ein Feuerwerk an farbenfrohen Regieeinfällen wird allerdings folgen. Seit Samstag hat die Wiener Volksoper eine neue "Zauberflöte" im Angebot. Nach 15 Jahren mit der Inszenierung des 2015 verstorbenen Helmuth Lohner war die Zeit reif für einen anderen Blick auf den ewig gültigen, nie vollkommen zu erfassenden und stets aufs Neue herausfordernden Geniestreich von Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder. Welches Werk kann schon von sich behaupten, unerfahrene Ohren mit derselben Intensität und Zielsicherheit zu begeistern wie kundige Besucher?

Zielgruppe Jugend

Regisseur Henry Mason zielt mit seinem Konzept ganz deutlich auf das junge Publikum: Zu den bekannten, handelnden Personen gesellen sich sechs Puppenspieler, die 30 Puppen (bravourös entworfen von Rebekah Wild) bedienen. Und diese zauberhaften Tiere und jene, die sie zum Leben erwecken, sind eindeutig die Gewinn(bring)er in dieser "Zauberflöte". Papageientaucher, Wiedehopf, Wüstenspringmaus, Stachelschwein, Reiher, Wüstenfuchs, Maus und Gecko: Ein jedes Tier ist auf seine Art entzückend und wird derart meisterhaft bewegt, dass das Staunen kein Ende nimmt. Dazu eine biegsame Zauberflöte mit grünen Flügeln und ein Glockenspiel auf beschuhten Beinen. Den Puppen-Alter-Egos von Tamino, Pamina und den drei Knaben gelingen jene berührenden Momente dieses dreistündigen Abends, die die musizierende Truppe weitgehend schuldig bleibt.

Der Ideenköcher von Regisseur Mason und Ausstatter Jan Meier ist jedenfalls prall gefüllt. Sarastro (beachtlich: Stefan Czerny) und sein Stab residieren in einer Wüstenkolonie, die irgendwo zwischen "Tod auf dem Nil" und "Jenseits von Afrika" gestrandet zu sein scheint. Die Königin der Nacht (gut: Anna Siminska) und ihre Damen (beherzt: Cornelia Horak, Manuela Leonhartsberger und Rosie Aldridge) kommen aus einer Eiswüste, in der ausschließlich Schwarz getragen wird. Angeordnet sind diese beiden Welten auf einer Drehbühne wie die zwei Seiten einer Medaille; die eine existiert nicht ohne die andere.

Die Naturidee wird dabei konsequent durchgezogen. Der Sprecher (Yasushi Hirano) tritt als Gärtner in Erscheinung. Monostatos (Karl-Michael Ebner) ist kein Mohr, sondern ein alter schwarzer Geier. Der Spektakelcharakter steht eindeutig im Vordergrunde. Das Buffo-Paar versteht es, die Lacher zu kassieren. Juliette Khalil als Papagena (in der verzauberten Variante eine Greisin aus dem Altersheim mit Pflegepersonal, dann mit neckischem Rothaarpagenkopf und grünweißem Karokleid) spielt genauso brillant, wie sie singt; Jakob Semotan hat als Papageno seine Trümpfe auf der darstellerischen Seite gebunkert.

Und das "hohe" Paar? Martin Mitterrutzners Stimme verfügt über ein schönes, geschmeidiges Piano und bringt in den Ensembleszenen das gewisse tenorale Etwas ein. Da ist aber auch eine druckvolle Forciertheit bei diesem Prinzen Tamino. Rebecca Nelsen als unerschrockene Pamina führt ihren Sopran sicher durch alle auferlegten Prüfungen. Stark sangen bei der Premiere am Samstag drei Wiener Sängerknaben den Part der Knaben vom Orchestergraben aus; wohltönende Einigkeit verströmte der Chor bei "O Isis und Osiris".

Wie kein zweiter Komponist beherrschte Mozart das mühelose Umschalten von tiefgründigem Ernst zu augenzwinkerndem Spaß. In der Volksopern-Version sind jene Momente, in denen die Zeit stehen bleibt und nur die musikalische Berückung zählt, allerdings rar; es geht mehr um die Inszenierung als das Meisterwerk an sich. Wobei in dieser "Zauberflöte" die Regie - verglichen mit der musikalischen Umsetzung - eindeutig den stärkeren Eindruck hinterlässt. Anja Bihlmaier strich am Pult des flink reagierenden Orchesters in erster Linie die spontane, agile Seite der Partitur hervor. Im Finale des ersten Aufzugs entstand eine atmosphärische Dichte, schlicht durch die Kraft der Musik. Sonst lag die Aura von Sinnlichkeit und Magie in den Händen der Puppenspieler.