Als hätte er die Corona-Situation bei der Auswahl des Stoffes mitberücksichtigt: Andreas Vitásek spielt seit Dienstag im Wiener Rabenhof den 1961 von Helmut Qualtinger und Carl Merz eingeführten Monolog "Der Herr Karl" - ein Stück, das ziemlich genau eine Stunde dauert und also keine Pause (die für ein Gedränge sorgen könnte) benötigt. Zudem sitzt das Publikum mit entsprechenden Sicherheitsabständen im Saal, ausnahmslos mit Maske im Gesicht, und beim Eingang wird bei jedem die Temperatur gemessen.

Andreas Vitásek als "Herr Karl" mit Adolf-Hitler-Gedächtnisfrisur. - © Valerie Loudon
Andreas Vitásek als "Herr Karl" mit Adolf-Hitler-Gedächtnisfrisur. - © Valerie Loudon

Aber es war ganz sicher doch das Stück selbst, das Vitásek zu diesem einstündigen Abend inspiriert hat. Wie sehr ihm die Rolle des Herrn Karl liegt, zeigte sich bei der Premiere. Er bringt den einstigen Mitläufer, der sich einerseits im fiktiven Dialog mit einem 1938 geborenen Jüngeren in einem fort als Opfer stilisiert, andererseits aber auch stolz darauf ist, es sich stets gerichtet zu haben, sehr intensiv auf die Bühne. Während allerdings Qualtinger seinerzeit so richtig ungustiös daherkam, strahlt Vitásek - sichtbar älter und gesetzt - eine gewisse Pseudo-Eleganz aus. Sein "Herr Karl" gibt sich als weltmännischer Grandseigneur-Darsteller, auch wenn in ihm ein überzeugter Chauvinist steckt.

Etwas diffuser als bei Qualtinger

Wie er in seinem dunkelblauen Anzug vor dem Publikum auf und ab spaziert und nicht weinerlich, aber schon mit Wehmut von seinen Tiefs erzählt, zugleich aber auch seine vielen Hochs Revue passieren lässt und dabei eher so nebenbei auf alten Glanz blickt, muss man fast aufpassen, dass man nicht darüber hinwegblickt, was er da eigentlich so alles erzählt. Dass man in ihm tatsächlich den einstigen Blockwart und rücksichtslosen Opportunisten sieht und nicht einen von seiner Umgebung missverstandenen Menschen, der halt ein bissl Pech im Leben hatte und bloß sein Recht wahrgenommen hat, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel wieder herauszuziehen. Man wird ja wohl noch eine Gelegenheit ergreifen dürfen, wenn sie sich einem aufdrängt?! Er legt die Rolle also etwas diffuser an als einst Qualtinger. Und er holt schauspielerisch auch sehr viel aus ihr heraus. Texthänger werden dabei nonchalant durchschritten, bei seinen Zurufen an den Souffleur bleibt Vitásek ganz in der sich selbst auferlegten Rolle. Das Ganze vor einem minimalistischen Bühnenbild, das bloß aus passenden Fotos vom Beamer besteht.

Den Monolog hat er nur geringfügig adaptiert und um ein paar Gags erweitert - wenn dieses Wort bei diesem Text überhaupt angebracht ist. Denn inhaltlich gibt es ja eigentlich gar nichts zu lachen angesichts der schonungslosen Satire, mit der Qualtinger und Merz sich am österreichischen Zeitgeschichtsbewusstsein abarbeiteten, die Vitásek bei aller gespielter Leichtigkeit gut transportiert.

Andreas Vitásek: Der Herr Karl

Nächste Termine: 23., 29., 30 Oktober
Rabenhof Wien

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