Der Choreograf Simon Mayer ist der Schamane der heimischen Tanzszene. Seine wilden, ekstatischen Abende zeigen, welche urwüchsige Kraft im Körper, aber auch im Gemeinschaftserlebnis eines Performancebesuchs liegen. Er greift dabei oft auch traditionelle, im Tanz eher verpönte Traditionen auf. In seinem Gruppenstück "Sons of Sissy" (2015) etwa hat der oberösterreichische Bauernsohn dem Volkstanz samt der Volksmusik ein zeitgemäßes Update verpasst. Nackte Männer tanzten sich da in Ekstase. Ein Heimatabend der etwas anderen Art.

Auch seine jüngste Arbeit "Being Moved" beginnt ungewöhnlich. Auf der Bühne des brut in der Ankerbrotfabrik stehen sieben leere Stühle. Schmucklos, als ob gleich ein Seminar beginnen würde. Als Meditationstrainer kommt Mayer an die Rampe und bittet das Publikum, sich auf die Atmung zu konzentrieren. Man könne auch gern dabei die Augen schließen. Oder im Laufe des Abends auf die Bühne kommen und auf einem der Stühle Platz nehmen - allerdings nur in der Fantasie.

Im Chaos versinken

Man ist gespannt, was dieser seltsame Guru als Nächstes machen wird. Mayer atmet ein, er atmet aus. Die Hände, dann die Arme folgen dem Weg des Luftstroms. Über Lautsprecher werden seine Atemgeräusche verstärkt, manchmal auch verzerrt (Sounddesign Pascal Holper). Der Entspannung folgt eine Anspannung. Irgendwann aber versinkt alles im Chaos. Die Bewegungen werden hektischer, und man fragt sich: Wer atmet hier eigentlich wen? Der Körper tanzt den willenlosen Performer, sein Atem treibt ihn in die Erschöpfung. Totaler Kontrollverlust. Vielleicht ist das aber auch schon die erste Lektion: Loslassen, den Moment leben. Der Körper übernimmt, die Trance beginnt. Wie ein elektronischer Derwisch wirbelt Mayer über die Bühne, er hat sich bis auf die Unterhose ausgezogen, erzeugt ein Soundgewitter, das über die Bühne donnert, als ob gleich Blitze einschlagen würden. Er beschwört die Elemente.

"Being Moved" ist ein Tanzstück, das dem Weg des Atems folgt, ein Abend, der den Körper als Instrument begreift, um Töne zu erzeugen.

Mayer als lebender Kontrabass: Mit einem Bogen, der sonst zum Bespielen von Streichinstrumenten genutzt wird, fährt der Tänzer seinen Körper ab. Auf den Brustwarzen entkommt ihm ein leichtes Stöhnen, unter dem Arm kitzelt es. Im Programm steht, gemeinsam mit der Trance Researcherin Corine Sombrun untersucht Mayer "die vielfältigen Manifestationen eines universellen Volkstanzes". Das ist natürlich völliger Unsinn. Das Wesen von Volkstanz ist doch gerade, dass er lokal verankert ist. Alles andere fällt unter die Kategorie Cultural Appropriation. Der Atem als verbindendes Element? Das ist etwas weit hergeholt.

Mitunter verliert sich "Being Moved" auch unreflektiert in Kitsch, wenn bedeutungsschwer eine Nebelschwade über die Bühne wabert und man von dieser Pseudopoesie gerührt sein soll. Oder Mayer den Atem des Publikums dirigiert. Der Atemsound wird über Tonband eingespielt, und hat immerhin eine beeindruckende Lautstärke. Auch das Seminar-Motiv ist nur bedingt durchgehalten. Im Rest der Performance wird es nicht mehr richtig aufgegriffen. Mayer tanzt stattdessen als Solist. Säßen wir tatsächlich auf den Stühlen auf der Bühne, wären wir wahrscheinlich entsetzt über diesen eitlen Meditationsleiter: Er hat sich ausgezogen und eine Stunde lang ins Zentrum gesetzt. Er hat total auf uns vergessen. Wäre es ein echtes Seminar, würde man sein Geld zurückverlangen.