Die Gier nach dem Neuen, nach dem Noch-nie-Dagewesenen durchzieht unsere Zeit. Nur das Neue ist das Gute, das Innovative das Bessere. Als wie trügerisch diese Gier sich doch erweist, lässt sich in vielen Lebenslagen studieren. Das Neue als selbstverständliche Legitimation für Veränderung, als Gleichsetzung mit Verbesserung ist dabei, seinen Glanz abzustreifen. Das Herausragende darf neu sein, muss es aber nicht. Auch in der Kunst.

Ein Baustein auf diesem Weg zu einem neuen Qualitätsbewusstsein ist die "Onegin"-Premiere an der Staatsoper. Für das Wiener Repertoire ist die Produktion seit Sonntag Abend neu, hier wird die Lesart von Dmitri Tcherniakov ab nun eine neue Heimat haben. Zu sehen war die Produktion aus dem Jahr 2006 neben Moskau allerdings bereits in Paris, London, Tokio oder New York. Der Neuigkeitswert ist also überschaubar, für Wien ist dieser "Onegin" jedenfalls ein absoluter Gewinn - und das aus vielerlei Gründen.

Gab ebenfalls ein sängerisch wie darstellerisch starkes Debüt: der junge ukrainische Tenor Bogdan Volkov als Lenski. - © Staatsoper/Michael Pöhn
Gab ebenfalls ein sängerisch wie darstellerisch starkes Debüt: der junge ukrainische Tenor Bogdan Volkov als Lenski. - © Staatsoper/Michael Pöhn

Ein Abend bei Tisch

Regisseur und Bühnenbildner Tcherniakov hat sich für eine auf den ersten Blick eintönige Raumlösung entschieden: man ist bei Tisch, besser gesagt man tafelt. Erst gutbürgerlich, dann fürstlich, erst in eintönigem Beige, später in festlichem Purpur. Die äußere Strenge dieser ewigen Tischgesellschaft ist jedoch nur formal monoton, sie öffnet dem Regisseur in seiner subtilen wie präzise psychologisierten Personenführung dafür alle Freiheiten. In ein und dem selben Setting lassen sich Veränderung und Entwicklung oft klarer verorten und begreifen als in wechselnden Schauplätzen. Die Veränderung, so zeigt Tcherniakov auf, ist subtil und dennoch spektakulär. Sie liegt in den Figuren selbst, lässt sich in ihrem Wirken auf andere ablesen.

Emotional gewaltige Briefszene mit Gewitter und Stromausfall: Die bejubelte Einspringerin Nicole Car als Tatjana. - © Staatsoper/Michael Pöhn
Emotional gewaltige Briefszene mit Gewitter und Stromausfall: Die bejubelte Einspringerin Nicole Car als Tatjana. - © Staatsoper/Michael Pöhn

Wie der Regisseur so den sozialen Abstieg des Titelhelden quasi über die Bande inszeniert, wie er entschlossen und dennoch fein die ins Drama führenden Kränkungen aufbaut, die Onegin und sein Freund Lenski einander zufügen, wie gekonnt er Erinnerungen und abwesende Figuren etwa in einer fantastischen Briefszene Tatjanas verwebt: Das alles ist nicht nur Regiehandwerk vom Feinsten, es besitzt absolute Musikalität, nutzt Wiederholungen in der Partitur für immer neue kontrastreiche Nuancen und trägt dazu bei, dass der emotionale Spannungsbogen nie abreißt. Ein Glücksfall.

Doch eine gelungene Regie macht längst keinen ebensolchen Opernabend - und als solcher lässt sich diese "Onegin"-Premiere absolut bezeichnen. Das durchwegs junge Sänger-Ensemble besteht großteils aus Haus-Debütantinnen und Debütanten. Das spektakulärste Debüt gab dabei eindeutig die australische Sopranistin Nicole Car. Nur wenige Tage vor der Premiere eingesprungen, gestaltete sie die Figur der von Onegin erst abgewiesenen und belehrten und später heiß begehrten Tatjana mit jugendlicher Frische, emotionaler Tiefe und szenischer Präsenz. Ihr schlanker dramatischer Sopran entfaltete sich nach und nach, ist fein dunkel timbriert, verfügt aber auch über lyrische Farben. Seinen absolut gelungenen Einstand am Ring feierte der junge Tenor Bogdan Volkov als idealistischer wie kraftvoller Lenski, der sich als feurig romantischer Freund Onegins durch diesen provozieren lässt und letztlich im (szenisch klug gelösten) Duell stirbt.

Starke neue Stimmen

Mit ihrem rauchig schimmernden Mezzo gestaltete Anna Goryachova eine sehr stimmige, quirlige Olga. Dimitry Ivashchenko stellte sich als kultivierter Fürst Gremin vor. Auch Helene Schneiderman als Larina und Larissa Diadkova fielen durch markante Rollengestaltung auf. Etwas hinter den (zugegeben sehr hohen) Erwartungen blieb André Schuen in der Titelpartie. Sein Bariton ist wunderschön dunkel gefärbt und elegant geführt, seine Gestaltung des erst hochnäsig kühlen, dann verzweifelt leidenschaftlichen Eugen Onegin geriet dennoch recht eintönig.

All diese neuen Stimmfarben zu einem stimmigen Ganzen fügte im Graben Tomá Hanus am Pult des fein balancierten Staatsopernorchesters zusammen. Sein auf lichte Art emotionaler, stets kultivierter Tschaikowski ließ den Sängern den Vortritt, feine Details aufblitzen und -brausen.

Der frische Wind, den Direktor Bogdan Roščić an die Staatsoper gebracht hat, der weht auch an diesem Abend weiter. Das Neue bloß um des Neuen wegen, das sucht man in dieser zeitlos qualitätsvollen Produktion vergebens. Eine Wohltat.