Der Broadway: das Herz von New York City. "Die Stadt, die niemals schläft", haben schon Liza Minnelli oder Frank Sinatra gesungen. Glamouröse Theaterabende mit luxuriösem Dinner zuvor und vielleicht einem Cocktail in einer der zahlreichen Bars nach dem vergnüglich unterhaltsamen Musical oder dem Schauspiel mit Staraufgebot. Und dann kam der März 2020. Seither ist der Broadway mitsamt allen anderen Kulturstätten im Dornröschenschlaf. Bereit geweckt zu werden - doch das wird wohl nicht so bald sein: Zahlreiche renommierte Institutionen - wie die Metropolitan Opera, die Philharmoniker und das New York City Ballet - haben bereits die komplette Saison abgesagt und planen erst für Herbst 2021 reguläre Auftritte. Die Theater am Broadway haben alle Aufführungen bis einschließlich 30. Mai 2021 absagen müssen. Persönliche Wahrnehmungen von fünf Künstlern zeichnen ein breites Bild der derzeitigen Lage in den USA. Es gibt Verlierer und Gewinner und manch einer ist beides oder gar weder noch.

Kein Jahr der Träume

Sänger, Gitarrist, Schauspieler und Songwriter Dustin Brayleys Tour mit dem Trans-Siberian Orchestra ist bis auf Weiteres abgesagt. - © Dustin Brayley
Sänger, Gitarrist, Schauspieler und Songwriter Dustin Brayleys Tour mit dem Trans-Siberian Orchestra ist bis auf Weiteres abgesagt. - © Dustin Brayley

"Die politischen Spielchen mit dem Leben der Menschen müssen endlich aufhören", macht sich Dustin Brayley Luft. Er ist Sänger, Gitarrist, Schauspieler und Songwriter, spielt unter anderem im erfolgreichen Trans-Siberian Orchestra. Seine Ehefrau Meredith Patterson ist in zahlreichen TV-Serien und -Filmen ("Boston Legal", "Good Wife"), sowie als Tänzerin und Sängerin am Broadway ("42nd Street") aufgetreten. Innerhalb einer Woche nach dem Lockdown in den USA im März haben die beiden Absagen für alle Jobs eines ganzen Jahres bekommen. "Tausende Dollar lösten sich plötzlich in Luft auf", so Brayley weiter. Es wäre für die beiden ein Jahr geworden, das sie sich lange Zeit erträumt hatten, "finanziell und künstlerisch betrachtet", fügt Patterson hinzu. Alternativvorschläge oder Hilfe von öffentlichen Stellen fanden sie keine, denn von Trumps Verwaltungsstellen kam nur der Rat, die beiden sollten sich andere Jobs suchen. "Das ist eine Beleidigung für unsere ganze Branche und ganz besonders gegenüber New York", sagt Patterson, "denn wir bringen Milliarden Dollar". Und so einfach wäre es gar nicht, einen anderen Job zu finden, denn "alle Branchen verzeichnen enorm viele Arbeitslose", stellt Brayley richtig.

Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Meredith Patterson ist mit ihrer Familie von Los Angeles nach Montana gezogen, denn "das Leben kostet hier ein Viertel von jenem in den Großstädten". M. Patterson - © Meredith Patterson
Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Meredith Patterson ist mit ihrer Familie von Los Angeles nach Montana gezogen, denn "das Leben kostet hier ein Viertel von jenem in den Großstädten". M. Patterson - © Meredith Patterson

Die Beiden versuchten, in Online-Live-Streamings einzusteigen. Doch die Gewerkschaft der Fernseh- und Filmbranche kämpft nun gegen jene der Schauspieler und Live-Performer. "Absurd, oder? Denn die Live-Performer versuchen sich in Streamingshows", sagt Patterson, "und das ist gegen die Regeln", fügt Brayley hinzu. "Welche Regeln?", fragt sich der Musiker. "Corona hat alle gebrochen." Auch gibt es etwa in Virginia Theater, in denen ausschließlich Nicht-Gewerkschaftsmitglieder auftreten dürfen. "Da darf man dann gar nicht seinen Job machen!" Mit ihren beiden Söhnen haben sie Los Angeles verlassen müssen und sind vor rund einem Monat nach Montana gezogen. Kurz darauf erkrankten sie mit schwachen Symptomen an Covid-19.

Die Familie Patterson-Brayley. - © Privat
Die Familie Patterson-Brayley. - © Privat

Zurzeit lebt die Familie von ihrem Ersparten: "Das Leben hier kostet ein Viertel im Vergleich zu jenem in den Großstädten", sagt Patterson. Viele ihrer Kollegen und Freunde sind in ihren 40ern und 50ern zu ihren Eltern zurückgegangen. Für das Paar war es die richtige Entscheidung - auch in Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen: "Ich hätte Angst vor den Protesten in den Städten, unabhängig vom Ergebnis der Wahl", sagt Patterson. "Jeder Amerikaner sollte einmal im Ausland gelebt haben, um dann diese ,Wir sind die Besten‘-Sprüche kritischer zu sehen. Leider haben wir ein ,Staatsoberhaupt‘ - ich setzte das bewusst unter Gänsefüßchen -, das ein Reality-TV-Show-Gastgeber ist. Er ist nicht qualifiziert für diese Position und ruiniert die amerikanische Demokratie. Er spaltet unser Land", sind sich Patterson und Brayley einig.

Verharren in New York City

Emanuele Secci hingegen harrt in New York City aus und hat die Krise zu seinem Vorteil genutzt. Der gebürtige Sarde kam zuerst nach New York, um Klavier zu studieren, dann Schauspiel und arbeitet nun seit 13 Jahren als Producer und Cutter beim TV-Sender CBS. Mit zwei Emmys wurde er bereits ausgezeichnet. Eine fixe Anstellung wollte er nie. "Ich habe am Tag des Lockdown CBS sofort informiert, dass ich jederzeit voll einsatzfähig bin, denn ich hatte die Ausrüstung schon vor Längerem zu Hause auf dem letzten Stand gebracht", erzählt Secci. Seither bekäme er mehr Aufträge und verdiene dadurch auch wesentlich mehr in seinem Brotjob. Viele andere Cutter und Video-Monteure, die nicht so schnell reagierten, verloren ihre Jobs, denn alle Dreharbeiten und TV-Shows wurden eingestellt. An die 200 Personen habe CBS gehen lassen - darunter auch ältere Kollegen, die sich das technische Wissen nicht aneignen konnten. Dass viele Einwohner New York City verließen, hat Secci zu seinen Gunsten genutzt: "Die Wohnungsmieten und -preise sind stark zurückgegangen, deshalb habe ich eine Wohnung im Zentrum für meine Familie gekauft, denn mein Sohn kam einen Tag vor dem Lockdown zur Welt: am 14. März", erzählt Secci.

Emanuele Secci arbeitet für den TV-Sender CBS im Brotjob und ist gleichzeitig Konzertpianist, Schauspieler und Regisseur. - © E. Secci
Emanuele Secci arbeitet für den TV-Sender CBS im Brotjob und ist gleichzeitig Konzertpianist, Schauspieler und Regisseur. - © E. Secci

Allerdings: "In meinen Jobs als Schauspieler, Voiceover, Pianist und Regisseur wurden alle Projekte gestoppt. Ganz langsam beginnt jetzt das Voiceover-Casting wieder", so der 52-Jährige. Zur Unterstützung erhielt er eine Einmalzahlung von 930 Dollar, die in seine Krankenversicherung floss, für die er monatlich rund 1.800 Dollar einzahlt. "Wenn man hier Covid-19 bekommt, dann ist es anders als in Europa, wo man in jedem Spital versorgt wird. Hier gibt es irrwitzige Situationen: Rechnungen in Millionenhöhe von Spitälern zur Behandlung von Covid-19, eine Hubschrauberrechnung für einen Notfallpatienten in Höhe von 50.000 Dollar", erzählt er. Ob die Wahl etwas daran ändern wird? Secci zuckt die Schultern.

Veränderung braucht Zeit

Theaterproduzentin Barbara Freitag beim Zoom-Interview mit der "Wiener Zeitung". - © Barbara Freitag
Theaterproduzentin Barbara Freitag beim Zoom-Interview mit der "Wiener Zeitung". - © Barbara Freitag

Barbara Freitag, mit sechs Tony Awards ausgezeichnete Broadway-Produzentin ("The Lifespan Of A Fact" mit Daniel Radcliffe), ist ebenfalls im Big Apple geblieben, nämlich in der Wohnung ihrer Tochter, die im Juni verstarb. "Für mich persönlich war es eine sehr, sehr schwierige Zeit: Ich konnte sie nicht zu ihren Behandlungen begleiten, denn niemand durfte ins Krankenhaus", erinnert sich die Produzentin. Sie warte, dass "Mrs. Doubtfire" zurück an den Broadway kommt. "Es stellt sich immer die Frage des Wann. Es ist nicht möglich zu planen", meint Freitag. "Ich arbeite, um zu arbeiten einfach immer weiter." Die Vorarbeit zu den Produktionen dauert auch ohne Covid-19 seine Zeit, "denn ich brauche rund fünf Jahre, um einem Musical Leben einzuhauchen". Es entfallen großteils die gemeinsamen Skript-Lesungen, "aber manche halten wir online ab", beschreibt die Produzentin ihren jetzigen Arbeitsalltag. Es gäbe auch Streamingshows, um die Kunst in jedermanns Kopf zu behalten. Ob das die Gewerkschaften wissen, sei dahingestellt. Veränderung braucht Zeit, sagt sie. Kultur werde in den USA nicht so unterstützt wie in Europa. Ein Gesetz gehe diesbezüglich gerade durch den Kongress. Hilfe kommt derzeit von Wohltätigkeitsorganisationen wie Broadway Cares/Equity Fights Aids und The Actors Fund, die Betroffenen unter die Arme greifen wie auch die Broadway League, ein nationaler Handelsverband für die Broadway-Theaterindustrie. So findet zurzeit etwa das Online-Projekt "7 plays, 7 fall" von Spotlight on Plays statt, in dem sieben Schriftsteller ihre Stücke bringen. Alle Beteiligten arbeiten kostenlos und die sehr niedrigen Ticketpreise von rund fünf Dollar gehen an den Actors Fund. So versucht man die fehlenden Einkünfte etwas abzufangen. Freitag hat selbst keine finanziellen Sorgen, denn sie kommt aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie.

Einfach nicht nachdenken

Und da wäre auch noch die Celebrity-Fotografin Victoria Stevens. Sie zum Interview ans Telefon zu bekommen, braucht Zeit, denn: "Ich bin im Moment wieder sehr mit unterschiedlichsten Shootings beschäftigt, weil viele vor einem befürchteten zweiten Lockdown noch ihre Termine unterbringen wollen." Doch im März war es auch bei ihr mit einem Schlag vorbei: "Keine Aufträge, denn die Filmstars hatten sich zurückgezogen." Da sie erst 30 bis 90 Tage nach ihrem Auftrag bezahlt wird und dann kurzzeitig Arbeitslosenunterstützung bekam, war sie finanziell "nicht sonderlich belastet". Doch die Steuerzahlung Ende Juni war dann doch etwas schwierig.

Celebrity-Fotografin Victoria Stevens ist zurzeit mit zahlreichen Shootings ausgelastet. Victoria Stevens - © Victoria Stevens
Celebrity-Fotografin Victoria Stevens ist zurzeit mit zahlreichen Shootings ausgelastet. Victoria Stevens - © Victoria Stevens

Bezüglich einer Corona-Infektion macht sie sich jetzt weniger Sorgen: "Ich habe mich gleich im März infiziert und habe meinen Geschmacks- und Geruchsinn für sechs Wochen verloren. Der Freund, der mich vermutlich ansteckte, war sehr lange ans Bett gefesselt, und ich habe auch einige Freunde verloren." Ende Juli verbesserte sich die berufliche Situation: Shootings kamen unter Einhaltung strenger Vorsichtsmaßnahmen wieder zustande. "Bei großen Aufträgen gibt es Aufsichtspersonal, das losschreit, wenn man sich näher als 1,80 Meter an eine Person heranwagt." New York City hat für Stevens zurzeit Dorf-Charakter: keine Touristen, die Verbliebenen rutschen in ihren Vierteln zu einer Community zusammen. Über die Wahl am 3. November versucht sie nicht nachzudenken, denn dann fühle sie sich verängstigt: "Man weiß ja nicht, was uns erwartet. Aber wir können nichts anderes machen, als unbedingt wählen zu gehen!"•