Als Kind hat man keine Worte dafür, aber man spürt, dass etwas nicht stimmt, wenn die Mutter auf der Straße als "Migrantenfotze" beschimpft wird. Die Scham der Mutter prägt das Bild, das man von sich selbst hat. Bestenfalls führt das irgendwann zu einer Rebellion, wie in Ewelina Benbeneks Stück "Tragödienbastard", das im Wiener Schauspielhaus Premiere hatte. Da eignen sich drei junge Frauen vermeintliche Schimpfwörter an, nennen sich selbst Schlampe und Fotze, eben, weil Sprache eine Waffe ist, die man umpolen kann. Wie benennt man etwas, wofür es keine Sprache gibt? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch einen Theaterabend, der eine kluge Reflexion ist über den Anpassungs- und Aufstiegsdruck, der auf Migrantenkindern liegt.

Lili Anschütz hat eine hyperrealistische Wohnung gebaut, wie man sie auch in den Kunstinstallationen einer Henrike Naumann sieht: Clean und angepasst, ein Ort, der den theoriegeladenen Text erdet. Regisseur Florian Fischer lässt zu Beginn drei identische androgyne Wesen auftreten, Aliens mit Latexmasken über dem Gesicht, die wie Fremdkörper in der Wohnung wirken. Der Ton kommt aus dem Off oder wird auf Bildschirmen getippt: maximale Entfremdung, eine Art Low-Tech-Version der eisigen, esoterischen Bühnenwelten einer Susanne Kennedy.

"Tragödienbastard": Maximale Entfremdung zeigt sich in der Sprachlosigkeit. - © M. Heschl
"Tragödienbastard": Maximale Entfremdung zeigt sich in der Sprachlosigkeit. - © M. Heschl

Das ist schön traurig, aber mit der Zeit ein bisschen zäh. Nach gut einem Drittel nimmt der Abend eine neue Wendung. Aus den Masken schälen sich drei Gestalten, die alle eine junge Frau verkörpern - famos gespielt von Clara Liepsch, Til Schindler und Tamara Semzov. Poesie und Politik, Theorie und Tanz, in dem Sprachoratorium "Tragödienbastard" geht alles schön zusammen. Viele Theater holen gerade wieder die Floskeln heraus, wie systemrelevant sie sind. Da freut man sich über Abende wie diesen, der am Puls der Zeit ist mit einem Text, der etwas wagt, und einem Ensemble, dessen Energie ansteckend wirkt.