Wer am Montag in die Staatsoper ging, tat das im Bewusstsein, die vielleicht letzte Gelegenheit auf lange Zeit zu nützen wegen des bevorstehenden Lockdowns. Empfangen wurde man im Saal dann auch von einer Projektion auf dem Vorhang: Sie gab die gesetzlichen Vorschriften wieder, wer denn jetzt zuzusperren habe, und hob dabei recht bissig ein Detail hervor - dass die Legisten die Bordelle vor den Theatern gereiht hatten. Hausherr Bogdan Roščić begrüßte das Publikum vor dem Vorhang mit dem Hinweis, dass in circa drei Stunden der Abend mit den Worten "La commedia è finita" enden würde - ohne zu ahnen, dass der Abend dann noch keineswegs zu Ende sein würde. Zu Recht erntete er viel Beifall für den Hinweis, man habe alles Menschenmögliche getan, der Situation gerecht zu werden, habe Werke mit hunderten von Mitwirkenden auf der Bühne problemlos abgewickelt - und jetzt: "Vorhang zu und alle Fragen offen." Man werde aber im Dezember ebenso spielbereit sein, wie man es im September gewesen war, weil man bis dahin weiterproben werde ("Arbeiten ist ja noch erlaubt"). Dann die Vorstellung, dann die Pause, ohne Aufregung, obwohl draußen schon das Chaos herrschte - aber man war ahnungslos, denn wer ruft schon jemand in einer Vorstellung an?

Die erschreckende Information kam erst nach dem Ende von "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci", als der Chor seinen verdienten Verbeugungsvorhang haben sollte und der Direktor zum zweiten Mal auf die Bühne kam - nein, eigentlich stürzte, in kurzen Worten über ein Attentat in Synagogen-Nähe informierte und die dringende Bitte der Polizei an das Publikum weitergab, das Haus nicht zu verlassen, da die Terroristen möglicherweise noch unterwegs seien.

Kurzfristig breiteten sich Unruhe und Erschrecken aus, bereits im Abgehen Befindliche stockten. Dann aber siegte die Gewohnheit, und das Applaus-Spenden setzte sich fort, man belohnte die Künstlerinnen und Künstler des gelungenen Abends bei ihren geschickt fortgesetzten Vorhängen. Das Gefühl, im von der Polizei umstellten Haus sicher zu sein, gewann die Oberhand. Jetzt erst wurden Handys wieder eingeschaltet und die noch immer dünne Informationslage verbreitete sich im Saal. Die Billeteure achteten sorgfältig und höflich darauf, dass die Mundnasenschutzpflicht eingehalten wurde, und das Publikum zeigte sich ruhig und geduldig.

Unverhofftes "Kaiserquartett"

Ja, und dann brandete Beifall auf, als sich einige Streicher der Wiener Philharmoniker unter Leitung von Pultführer Christoph Koncz anschickten, im Orchestergraben wieder Platz zu nehmen, um dem Publikum das Warten zu verkürzen und Haydns "Kaiserquartett" mit gewohnter Präzision und Hingabe spielten.



Kammermusik-unüblich wurde nach jedem Satz Beifall gespendet, aber an diesem Abend nahm niemand daran Anstoß. In den Schluss, so gegen 23.30 Uhr, platzte die Mitteilung, dass man jetzt das Haus bitte in Ruhe verlassen könne - und so strömte das Publikum ab, geleitet vom Hauspersonal, empfangen von den dunklen Schatten der herumstehenden schwerbewaffneten Polizei. Jetzt erst begann man zu begreifen, dass Fürchterliches passiert sein musste und der Heimweg bedrohlich sein könnte. Er führte am Konzerthaus vorbei, wo das vom Schlagwerker Martin Grubinger mit Draufgaben ohne Ende hingehaltene Publikum gerade verstört aber ruhig herausströmte. Man war unter Seinesgleichen und, zwar verspätet, aber doch bald wieder zu Hause.