Ich lade Sie herzlich ein zu einer gemeinsamen Suche, zu Grenzgängen, zur lustvollen Auseinandersetzung mit unserer Zeit", so Neo-Intendant Kay Voges in der Pressaussendung, mit der er das Programm seiner ersten Spielzeit bekanntgibt.

Am 8. Jänner eröffnet das neu renovierte Volkstheater mit Ernst Jandls "Der Raum", einem "szenisches Gedicht für Beleuchter und Tontechniker". An diesem ersten Abend steht in Jandls Mini-Drama allein das Haus im Mittelpunkt, "eine Meditation zur Eröffnung", so Voges. Darauf folgt ein veritabler Premierenreigen.

Den Auftakt macht das Kollektiv Rimini Protokoll mit "Black Box. Phantomtheater für eine Person" am 9. Jänner, in der im Fünf-Minuten-Takt jeweils ein Zuschauer (mit einem Kopfhörer ausgerüstet) auf einen Rundgang durch das Volkstheater geschickt wird. Mit diesem Projekt begeisterte Rimini-Mastermind Stefan Kaegi bereits in Stuttgart.

"Auf was gefasst machen"

Tags darauf folgt die Wien-Premiere von Voges’ Dortmunder "Theatermacher"-Inszenierung aus dem Jahr 2018. Am 14. Jänner steht Susanne Kennedys Tschechow-Bearbeitung "Drei Schwestern" auf dem Plan, die Aufführung wurde in München hochgelobt, Kritiker sprachen von "bildgewaltigen Philosophien, mit Kennedy ist übrigens eine längerfristige Zusammenarbeit geplant. Auch Florentina Holzingers für Mai geplante (und für Wien adaptierte) "Etude for an Emergency" kommt von den Münchner Kammerspielen.

Mit diesen Aufführungen, die andernorts bereits gut angekommen sind, geht Voges in den ersten Tagen seiner Intendanz auf Nummer sicher. Die erste tatsächliche Neuinszenierung ist die Uraufführung mit dem sperrigen Titel "1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten", der erste Teil eines mehrteiligen Projekts der neuen Hausautorin Lydia Haider, die im Sommer den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen gewann. Die Inszenierung bestreitet der Intendant selbst, Premiere ist am 16. Jänner. Mit "Bliss. Mozarts finale Arie aus Die Hochzeit des Figaro als zwölfstündige Oper" von Ragnar Kjartansson im HD-Stream endet am 17. Jänner die Eröffnungswoche. Kay Voges beginnt seine Intendanz mit einem breiten Spektrum an für Wien neue Regiehandschriften.

Aus Voges Dortmunder-Intendanz folgt im Februar Samuel Becketts "Endspiel", im April steht mit "Die Politiker" von Wolfram Lotz wieder eine neue Voges-Inszenierung am Spielplan.

Und das Ensemble? Es umfasst 20 Schauspieler, fünf mehr als unter Anna Badora, die meisten sind hierzulande unbekannt. Nick Romeo Reiman hat sich als Filmschauspieler ("Türkisch für Anfänger") einen Namen gemacht, Julia Franz Richter war zuletzt am Schauspielhaus Graz engagiert, Samouil Stoyanov an den Münchener Kammerspielen, er arbeitete aber auch fürs Fernsehen ("Soko München"). Mit Anna Rieser kommt eine 2019 mit dem Nestroy als "bester Nachwuchs" ausgezeichnete Akteurin aus dem Landestheater Linz nach Wien, sieben Schauspielerinnen und Schauspieler hat Voges aus Dortmund mitgebracht. Mit Claudia Sabitzer, Evi Kehrstephan, Stefan Suske und Günther Wiederschwinger bleiben dem Haus vier Akteure aus dem bestehenden Ensemble erhalten, Doris Weiner ist nur noch dieses Jahr im Volkstheater. Für die kommende Saison hofft Voges, noch vier weitere Ensemblemitglieder aufzunehmen.

An neuen Regisseuren bringt der Neo-Intendant etwa Jan Friedrich, der gelernte Puppenspieler wird am 30. Jänner Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" inszenieren. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet Kay Voges mit dem Regisseur Sascha Hawemann; im März wird er eine Adaption von Dostojewskis "Erniedrigte und Beleidigte" auf die Bühne bringen, weitere Dostojewski-Inszenierungen sind geplant. Ebenfalls für März ist der Bilderstürmer Jonathan Meese mit einer Lolita-"Universumsinszenierung" angekündigt. Voges: "Da können wir uns auf was gefasst machen."

Das Volx/Margareten wird im kommenden Jahr lediglich einmal bespielt. Die Gruppe Fronte Vacuo zeigt das Digital-Experiment "Humane Metholds [Exhale]" (15. Jänner), stattdessen wird die Probebühne unter dem Dach als neue "Blackbox" ins Leben gerufen.

Zwei Uraufführungen hält man für die Bezirke bereit, die der junge Regisseur Calle Fuhr als künstlerischer Produktionsleiter von Doris Wiener übernehmen wird, und als "subversiver Zwilling des Haupthauses" beschrieben wird. Die "Spielzeit under construction" kann beginnen.