Die Theater sind zwar geschlossen, doch hinter den Kulissen werden Proben fortgesetzt, Premieren hoffnungsvoll auf Dezember verschoben. Vorerst ist der zweite Lockdown bis 30. November angekündigt, eine Verlängerung ist mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen jederzeit möglich. "Ja, mach nur einen Plan! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht", dieses Brecht-Zitat dürfte dieser Tage wohl das Motto vieler Disponenten sein.

Während des ersten Lockdowns kam es zu einer veritablen Flut an Streaming-Angeboten, beinahe täglich gingen Premieren-Absagen mit Online-Optionen einher. Jahrelang schien kostenloses Streaming aussichtslos, die komplizierte Rechtslage unüberwindbar. In der Krise wurde das Unmögliche möglich und man konnte in einem noch nie dagewesenen Ausmaß Theater online erleben.

Auch die "Theater und Netz"-Konferenz, die das Internetportal www.nachtkritik.de mit der Heinrich-Böll-Stiftung alljährlich veranstaltet, fiel in diesem Jahr aus, stattdessen haben die Organisatoren ein Buch herausgegeben - "Netztheater. Positionen I Praxis I Produktionen" - und kostenlos zum Download bereit gestellt. In 21 Aufsätzen werden darin vor allem Erkenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit digitalen Möglichkeiten aus dem ersten Lockdown verarbeitet.

Christian Römer, Referent für Kulturpolitik, setzt sich etwa dafür ein, den Streamingbetrieb parallel zum analogen Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Ein frommer Wunsch! Kaum eine Bühne hielt am Streaming fest. Verglichen mit dem Frühjahr gibt es im zweiten Lockdown erstaunlich wenige Angebote - www.nachtkritik.de veröffentlicht einen laufend aktualisierten digitalen Spielplan - und das, obwohl die Streamingangebote bisher überraschend gut angenommen wurden.

Ungeahnte Möglichkeiten

Gut möglich, dass nicht jede Aufführung von Anfang bis Ende andächtig verfolgt wurde, der Online-Raum ist eben kein auratischer Bühnenraum, sondern darauf ausgelegt, dass man nebenher anderes tut. "Für das Theater ist es aber noch neu, Nebenbeimedium zu sein", sagt Judith Ackermann, Professorin für Digitale und vernetzte Medien an der FH Potsdram in einem Interview in "Netztheater" und fährt fort: "Das Netztheater muss sich in meine Alltagssituation integrieren."

Dafür müsse es, so Ackermann, Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten geben. Theatermacher müssten modular denken, an die Stelle von geschlossenen Handlungen sollten hybride Narrationen treten. Klassische Dramaturgien, stringente Erzählweisen und große Heldenfiguren haben abgedankt. Solche Theaterprojekte verstehen sich als Einladung zum Mitspielen. Der Zuschauer wird zum Spielkameraden, der auch ein stückweit Verantwortung für das gemeinsame Erleben übernimmt. Das erfordert ein Publikum, das den Umgang mit Videokonferenzen und sozialen Medien als Möglichkeit zur szenischen Intervention nicht scheut. Nimmt man digitale Dramaturgien ernst, eröffnen sie allen Beteiligten eine völlig neuartige Rolle und Autonomie. Interaktion, so der Tenor im Band "Netztheater", sei der Schlüssel für das digitale Theater.

Gruppen die auf Interaktion, Partizipation und Entgrenzung von Bühnenräumen setzen, gibt es freilich seit langem. Hierzulande hat sich etwa das Queer-Kollektiv Nesterval mit szenischen Schnitzeljagden und Stadtabenteuern eine Fangemeinde erspielt, sie waren auch die ersten, die im Lockdown mit "Der Kreisky-Test" eine Zoom-Performance angesetzt haben, Fortsetzung folgt am 25 November mit "Good Bye Kreisky" - coronabedingt wieder im Online-Format.

Im Idealfall haben die digitalen Versuche rund um die Corona-Krise das Interesse am digitalen Theater verstärkt, sodass künftig mehr in diese Richtung experimentiert und vor allem investiert wird. Möglicherweise markiert das Jahr 2020 sogar den Beginn einer neuen Sparte innerhalb der darstellenden Kunst. Jedenfalls erwachsen der Kunstform durch die Digitalität ungeahnte Möglichkeiten.