Ulrich Khuon (69), derzeit Intendant des Deutschen Theaters Berlin, gibt nach mehreren Jahren seinen Posten beim Deutschen Bühnenverein ab. Bevor seine Nachfolge am Samstag (21. November) bekannt wird, plädiert er im dpa-Interview für eine langsame Öffnung von Kultureinrichtungen.

Wie sehr vermissen Sie eigentlich Ihr Publikum?

Ulrich Khuon: Gewaltig. Wobei sich unser Publikum ja auch zurückmeldet, indem es uns Briefe schreibt. Viele rufen an. Wir waren im November fast ausverkauft, jetzt müssen die einzelnen Kartenverkäufe rückabgewickelt werden. Man spürt sehr stark, dass wir dem Publikum fehlen und uns das Publikum, das ist ganz klar.

Warum finden Sie, dass man wieder über die Öffnung von Kultureinrichtungen sprechen muss?

Ich glaube, es gibt gute Argumente, die Künste neben die Schulen und Kirchen im Sinne von Bildung und kultureller Teilhabe zu stellen. Die Künste haben einen besonderen Wert. Wobei ich das schon einordnen will. Wir sind nicht so notwendig wie das Einkaufen von Lebensmitteln. Aber wir sind in einer anderen, sozialverbindlichen Weise für die Gesellschaft ein tragendes Element.

Theater kommen also nach dem Rewe, aber vor McFit?

Ja, so kann man das sagen. Die Theater kommen zum Beispiel vor den Minigolfanlagen und Wettbüros. Und zwar weil sie ein gesellschaftliches Bedürfnis erfüllen.

Aber es gibt ja auch das Argument, dass Theater nur eine kleine Gruppe von Menschen erreichen.

Ich sehe das so: Die öffentliche Hand garantiert und fördert vieles, was nur Teile der Bürgerinnen und Bürger nutzen, beispielsweise Schwimmbäder, Universitäten, Sporteinrichtungen und so auch die Theater, deren Angebote reizvoll und rätselhaft zugleich sind. Eine Schule des Denkens und Fühlens.

Der Intendant der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, hat zuletzt vorgeschlagen, vielleicht den ganzen Winter zu schließen und dafür im Sommer ohne Pause durchzuspielen. Was halten Sie davon?

Thomas Ostermeier geht von einer Beobachtung aus, die ich teile, nämlich dass dieses An/Aus für uns sehr anstrengend und schwer ist. Ich glaube allerdings auch, dass es alternativlos ist. Wenn die Pandemie-Experten über ein Jahr hinweg sicher beurteilen könnten, wie es weitergeht, könnte man sich als Theater darauf einstellen. Aber wir merken ja, wie wir alle uns mühsam durch die Monate tasten. Die Politik ist gezwungen, auf Sicht zu fahren - und das müssen die Theater auch. Insofern finde ich das keinen hilfreichen Vorschlag, wir sollten vielmehr schnell, beweglich und erfinderisch sein.

Jetzt hat zuletzt aber die NRW-Kulturministerin gesagt, die Kultur solle nicht auf eine "Extrawurst" bestehen.

Das ist aus mehreren Gründen fatal. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag von der Kulturpolitik und sollten uns dafür spielfähig halten. Wir sind Teil des Reflexionssystems dieser Gesellschaft - und zwar in einer anderen Weise als Freizeitangebote. Man könnte ja auch darüber nachdenken, dass man einzelne Segmente wieder öffnet - die Museen zum Beispiel früher an den Start bringt. Oder nur einzelne Spielstätten innerhalb der Theater wieder öffnen oder die Jugendarbeit forcieren.

Sie haben jetzt in den letzten Monaten als Präsident des Bühnenvereins mit der Pandemie nochmal einiges organisieren müssen. Warum treten Sie nicht mehr an?

Ich bin jetzt 69 und da finde ich es angemessen und richtig, nicht wieder anzutreten. Jetzt können andere das wieder anders akzentuieren.

Welches Thema war Ihnen im Bühnenverein besonders wichtig?

Wie wir uns mit Rechtspopulismus auseinandersetzen, war mir ein großes Anliegen. Dass man zum einen klar sagt, wo man steht, dass man aber trotzdem zu einer Durchlässigkeit beiträgt. Dass man dazu beiträgt, dass die Menschen miteinander reden. Für mich als Theatermacher bleibt das ein Thema.

Haben Sie Bedrohungen von Rechts erlebt?

Ja. Vieles habe ich auch ignoriert. Man kriegt auch Drohbriefe und am Deutschen Theater hat eine Gruppe der Identitären Bewegung eine Vorstellung gestört, und zwar ziemlich rabiat und gewalttätig. Aber ich persönlich kann es nicht dramatisieren. Da gibt es Politikerinnen und Politiker, die ganz andere Dinge erleben.

Was wünschen Sie sich für die Gesellschaft?

Dass das Leben aus Aufeinanderzugehen besteht. Und dass wir die gesellschaftlichen Podien und Diskurseinrichtungen offenhalten. Wir müssen uns herauswagen aus unserem Schneckenhaus und zuhören, wo wir nicht so gerne zuhören. Das ist etwas, was man sich dauernd erarbeiten muss, weil das ja nicht automatisch Spaß macht.

Wenn man gerade nicht ins Theater kann - was sind Ihrer Meinung nach gute Ersatzbeschäftigungen?

 Die Theater selbst versuchen viel. Von uns hat man den "Menschenfeind" bei 3Sat sehen können, wir streamen am Freitag unsere "Zauberberg"-Premiere live - das heißt, die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen live im Theater vor leerem Saal und man kann digital dabei sein. Aber man kann natürlich auch mal den "Zauberberg" als Roman lesen. Und der ganze Serienwahn hat auch etwas Reizvolles.

Sehen Sie etwa Netflix?

Ja, auch. Aber ich mache eine Mischkalkulation. Ich bin ja auch begeisterter Sportfan und hänge natürlich bei all diesen Geisterspielen am Fernseher - und gleichzeitig strampelnd auf meinem Heimtrainer. Deswegen brauche ich kein Fitnessstudio. Das mache ich gleichzeitig: aktiv Sport und passiv Sport. Man muss sich da seinen Weg bahnen.

Sind Geisterspiele ohne Zuschauer genauso dramatisch wie eine Theaterpremiere ohne Publikum?

Sie sind wahrscheinlich dramatischer sogar, weil die Ergebnisoffenheit von Sportveranstaltungen natürlich dramatischer ist als die Ergebnisoffenheit unserer Inszenierungen. Beide haben ja eines gemeinsam: Wir weichen jetzt aus, suchen andere Wege - aber wenn wir wieder dort sein können, sind wir alle wieder an Deck.

Dann eine letzte Entscheidungsfrage: Wenn Sie wählen könnten zwischen einem Abend im vollen Theater und einem Besuch im vollen Stadion, wo gehen Sie zuerst hin?

Ach, sagen wir mal so. Ich selbst war ja sehr oft im vollen Theater. Ich hab schon eine Sehnsucht, mal wieder zu Alba Berlin und zu den Eisbären Berlin zu gehen. (dpa)