Die Bühnen sind Corona-bedingt geschlossen. Hinter den Kulissen gehen allerdings die Proben weiter, die Theaterleute bereiten sich auf eine glanzvolle Wiedereröffnung nach dem Lockdown vor. Die "Wiener Zeitung" traf Burgschauspieler Florian Teichtmeister mit viel Abstand, um mit ihm über die gegenwärtige Lage und seine nächste Premiere zu sprechen.

Ursprünglich sollte "Bunbury", Teichtmeister spielt darin die Rolle des John Worthing, diesen Freitag (20. November) Premiere feiern. Wann Oscar Wildes Komödie tatsächlich im Akademietheater zu sein wird, ist derzeit freilich völlig offen.

"Wiener Zeitung":Wie kommen Sie damit klar, an einer Inszenierung zu arbeiten, deren Premierendatum mehr als vage ist?

Florian Teichmeister: Es ist anstrengender und kostet Energie, mich nicht in diese scheinbare Zeitlosigkeit fallen zu lassen. In meiner Gedankenwelt existiert so etwas wie eine fertige Theaterarbeit ohnehin nicht: Etwas, das Abend für Abend neu erschaffen wird, kann nie abgeschlossen sein! Der gegenwärtige Zustand fühlt sich unwirklich an. In gewisser Weise stellt er zugleich eine luxuriöse Situation dar, deren Preis aber viel zu hoch ist.

Wie laufen die Proben unter den Einschränkungen ab?

Bei den Proben selbst ist kein allzu großer Unterschied zu vorher bemerkbar. Wir sind teils wohl auch nur froh, wieder arbeiten zu können. Die Sicherheitsvorkehrungen am Burgtheater sind so professionell wie vorbildhaft. Wir werden regelmäßig getestet, halten uns an Vorgaben, sind aufmerksam und bedacht im Umgang miteinander und dem Rest der Welt.

Im Unterschied zu Theatern in Deutschland konnten in Österreich Proben ohne Mund-Nasen-Schutz sowie ohne besondere Distanzregeln abgehalten werden.

Die Arbeitsatmosphäre war angenehm, gemeinschaftlich, nie angsterfüllt. Ich fühle mich einem pragmatischen Zugang verpflichtet: Es ist, wie es ist. Wozu sich über etwas aufregen, das sich ohnehin nicht ändern lässt? Schon gar nicht durch meine Aufregung.

Dennoch fordern die Beschränkungen, je nach persönlicher Lebenslage, jedem etwas anderes ab.

Absolut. Die Anforderungen durchdringen persönlichste Lebensbereiche genauso wie unsere Beziehungen zueinander. Gesellschaftliche und soziale Missstände sind durch die Pandemie deutlicher zu Tage getreten. Corona wirkt wie ein Brennspiegel.

Wie erlebten Sie den ersten Lockdown? Wie geht es Ihnen jetzt?

Für mich war der Lockdown im März eine Suche, mit Zeit umzugehen. Es gab viel zu beobachten, man musste sich mit vielem auseinandersetzen. Als Gesellschaft haben wir nun neuerlich eine gemeinsame Anstrengung vor uns - aber keine Probleme, die sich nicht bewältigen ließen. Die Pandemie und die damit einhergehenden Folgen betreffen jeden von uns. Auch wenn wir momentan vielleicht noch nicht absehen können, wohin die Reise geht - wir werden gemeinsam darüber hinwegkommen.

Welche Rolle spielt das Theater in Zeiten der Krise?

Das Theater gehört in Wien, wie in jeder anderen Stadt, den Menschen. Es ist ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung, an und in dem man Freude haben kann und darf, an dem man Gemeinschaft erfährt, an dem man mit Ansichten konfrontiert wird, die man vielleicht nicht teilt. Theater ist auch immer ein Einüben in die Bereitschaft, sich von Inhalten und Ideen provozieren und überraschen zu lassen. Theater kann alles Mögliche sein. Es ist aber immer mehr als ein Gebäude, dessen Türen man einfach zusperren kann.

Wie könnte ein postpandemisches Theater aussehen?

Wir benötigen keine neuen Konzepte, sondern genau das, was Theater seit jeher ausmacht: die wahrhafte Begegnung zwischen Menschen. Wir brauchen Nähe, nicht Distanz.

Wird die Pandemie unsere Gesellschaft nachhaltig verändern?

Meine Menschenliebe ist groß genug, um an die Lernfähigkeit zu glauben, auch wenn dieser Glaube durch einige Beispiele schwer erschüttert wurde.

Oscar Wilde hielt "Bunbury" für sein bestes Stück. George Bernard Shaw kanzelte es dagegen als trivial ab. Wer hatte recht?

Zunächst war auch ich auf Shaws Linie: "Bunbury" als gut gebaute Komödie mit vielen Pointen; mindestens eineinhalb davon fand sogar ich lustig. Die intensivere Beschäftigung mit dem Stück wurde dann aber zu einer Lehrstunde in Demut: Hinter der Komödie tut sich ein Abgrund auf, der familiäre Verstrickungen und menschliche Verwerfungen an den Tag bringt, die einem beim flüchtigen Amüsement entgehen. Die Thematik bleibt hochspannend: Es geht um Standesdünkel, Kindesentführung, Adoption, Eheschließungen und den Aufstieg in die bessere Gesellschaft. Mit einem Wort: ein Thriller. Wie konnte ich je glauben, dass "Bunbury" ein harmloser Schwank sei? Es ist schlicht brillant.